Was wir von unseren Kindern lernen können Abholzeit in der KiTa. Gerührt betrachten wir Mütter und Väter den Nachwuchs, der noch ein bisschen mit Bobbycars, Laufrädern und Puppenwagen durch den langen Flur flitzt. Plötzlich wird es laut: „NEIN! ICH! WILL! DAS! NICHT!“ Ein gefühltes Ausrufezeichen hinter jedem Wort. Dazu schiebt die Krümellady ihren kleinen Mitfahrer unsanft vom Rutschauto. Verwirrung. Enttäuschung. Frust. Nicht nur beim Spielkamerad meiner Tochter, sondern auch bei mir: Habe ich meiner Süßen nicht unlängst erklärt, dass man Konflikte friedlich löst? Sein Gegenüber mit Respekt behandelt? Na klar, gesagt habe ich das schon. Aber auch vorgelebt?

Da war die Meinungsverschiedenheit mit dem Mann, bei der wir beide in einer ohnehin hektischen Situation die Nerven verloren haben und laut geworden sind. Oder mein gereizter Ton, als ich unseren Elektriker fragte, wann er nach diversen gescheiterten Versuchen nun ENDLICH (drei Ausrufezeichen!!!) Zeit fände, unsere Außenbeleuchtung zu reparieren.

24 Stunden Vorbild sein: Geht das?

Kinder lernen durch Zuschauen und Nachahmen. Diese Erziehungsweisheit existiert schon mindestens so lange wie es Elternratgeber gibt. Und trotzdem ist sie unglaublich schwer zu leben. Denn mal ehrlich: Wer schafft es schon, immer und überall ein Vorbild zu sein?

Vorbildlich respektvoll im Umgang mit den Mitmenschen, das heißt: Kein genervtes Seufzen mehr, wenn der Vordermann mit 20 Stundenkilometern durch die 50er-Zone schleicht. Kein unterdrücktes Gähnen, wenn das Gegenüber zum fünften Mal in Endlosschleife von dem superwichtigen Jobprojekt berichtet. Kein heimliches Augenrollen, wenn die Freundin mal wieder ewig braucht, um sich zwischen zwei Poloshirts in fast identischen Farbschattierungen zu entscheiden.

Verfluchtes Fluchen!

Und natürlich auch vorbildlich in der Sprachwahl, zum Beispiel: Kein gemurmeltes „Idiot!“, wenn ein übereifriger Mitmensch beflissen darauf hinweist, dass die halbe Stunde Parkdauer bereits um fünf Minuten überschritten sei. Und kein entsetztes „Ach, du Scheiße!“, wenn die Zweijährige den Inhalt der Haferflockentüte über ihre Puppenküche und darüber hinaus verteilt hat. Schließlich droht prompt die Quittung. Und der Krümellady entfährt mitten im vornehmen Restaurant ein herzhaftes „Ach, du Ssseise!“, als ihr das gegrillte Butterkartöffelchen von der Gabel plumpst.

Der Spiegel unseres Selbst

Kinder halten uns den Spiegel vor, indem sie unser Verhalten imitieren. Und zwingen uns so dazu, unser Handeln und unser Selbstbild laufend zu hinterfragen. Persönlichkeit unter Beobachtung, könnte man dazu sagen. Das kann schmerzhaft sein, aber auch schön. Schmerzhaft, wenn wir eigene negative Eigenschaften am Nachwuchs entdecken. Etwa, wenn die eigene Ungeduld („Zieh jetzt sofort die Schuhe an!“) auch den Geduldsfaden des Nachwuchses verkürzt („Ich will jetzt sofort ein Eis!“). Schön kann unsere Rolle als Vorbild sein, wenn es uns tatsächlich gelingt, durch unser eigenes (Vor-)Leben Eigenschaften wie Empathie, Konfliktfähigkeit und Toleranz zu vermitteln. Wenn die Krümellady ihrem kleinen Spielkamerad fürsorglich den Reißverschluss schließt. Oder ihrem Babybruder den verlorenen Schnuller ins Mündchen schiebt. Und manchmal hat die Vorbildfunktion sogar ihre komischen Seiten. Denn wie reagierte die derzeit fleißig Töpfchen-trainierende Krümellady, als ich auf der Toilette saß und sie hereinspazierte? „Super, Mami, Du hast gepieselt“, rief das Kind und klatschte in die Hände.

Es stimmt also: Kinder halten uns den Spiegel vor. Und machen uns so zu besseren Menschen (zumindest ein bisschen). Wichtig ist nur, dass wir bei aller Selbstreflektion verdammt nochmal authentisch bleiben.

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