Susanne Gerzer_1Warum ist die Kinderkacke plötzlich grün? Und wie befreit man eine verstopfte Babynase? Hebammen holen nicht nur unsere Kinder auf die Welt sondern bieten auch wichtige Unterstützung und Begleitung im Wochenbett. Wenn ich nur daran denke, wie oft ich meine Schwägerin Susanne, Hebamme in Bonn, nach der Geburt der Krümellady angerufen habe … Und glaubt mir: Es gab keine Frage, die ich als Erstlingsmama nicht gestellt hätte! Kein Problem für Susanne, schließlich hat die 33-Jährige schon mehr als 500 Babys entbunden, unzählige Nachsorgekinder betreut und dabei einiges erlebt. Seit Kurzem ist sie selbst Mama einer kleiner Tochter, meiner süßen Nichte. Zum Internationalen Hebammentag am heutigen Dienstag verrät Susanne, wie der Start in den Babyalltag gelingt und spricht über die schwierigen Rahmenbedingungen für Hebammen in Deutschland – Stichwort Haftpflichtprämien und Arbeitsbelastung.

Drei Monate Baby. Jetzt mal ehrlich: Hast du dir das Muttersein so vorgestellt?

Es ist immer etwas anderes, wenn man als Hebamme von außen auf eine Familie schaut. Wenn man selbst Mutter wird, ändert sich die Rollenverteilung in der Familie. Man bleibt zwar Frau und Partnerin, übernimmt aber zusätzlich die Mutterrolle. Und der Partner wird Vater. Beide tragen permanent Verantwortung für einen kleinen Menschen, der von uns abhängig ist. Daran musste ich mich natürlich auch erst einmal gewöhnen. Alles in allem haben mein Partner und ich aber ein „Anfängerbaby“. Unsere Tochter ist gesund geboren, schläft gut, isst gut und wächst gut. Was ich vorab nicht so gesehen habe: Auch der Freundeskreis ordnet sich neu. Man hat mehr mit den Leuten zu tun, die auch Kinder haben und deine Erfahrungen nachvollziehen können.

Was sind die größten Unterschiede zwischen Theorie und Praxis?

Als Hebamme denke ich überwiegend rational. Abgesehen davon, dass ich natürlich auch eine emotionale Bindung aufbaue, wenn ich eine Familie lange betreue. Als Mutter schalte ich häufiger den Kopf aus und höre auf mein Herz. Natürlich weiß ich, wie ich in einer Situation als Hebamme reagieren würde. Etwa, wenn mich ein Paar nachts verzweifelt anruft, weil sein Baby nicht aufhört, zu schreien. Dann kann ich gelassen bleiben und Tipps geben. Aber wenn mein eigenes Kind eine Stunde lang schreit, fehlt mir natürlich dieser Abstand. Dann kommen die Hormone dazu und plötzlich bekommt eine kleine Sache ganz große Bedeutung. Dann möchte ich – wie jede Mutter – alles dafür geben, dass mein Baby schnell wieder zur Ruhe kommt.

Dein nützlichstes Accessoire bei der Geburt?

Ich hatte das Glück einer sehr schnellen Geburt. Insofern habe ich mitgebrachtes Equipment, tolle Öle, Musik und so weiter, gar nicht gebraucht. Das wichtigste für mich war mein Team. Als erstes natürlich der Papa. Dann meine Hebamme. Und auch der Arzt. Diese drei Menschen haben es mir ermöglicht, im vollen Vertrauen zu mir so zu entbinden, wie ich es mir gewünscht habe. Dass der Kreißsaal schick ist oder in tollen Farben gestrichen, spielte keine Rolle. Das habe ich alles gar nicht wahrgenommen. Ich habe mich auf mich konzentriert, war ganz bei mir. Ich merkte, dass mein Partner da war. Das war sehr wichtig für mich, der durfte nicht mehr gehen. Aber welche Position einem weiterhilft, ob man in der Badewanne entbindet oder noch schnell eine Massage braucht: Da sind wir Frauen sehr unterschiedlich, das kann man nur gemeinsam in der Situation austesten. Das wichtigste, was wir alle zur Geburt mitbringen sollten, ist Vertrauen. Vertrauen in uns selbst und in das Team. Vertrauen ist die Voraussetzung, um selbstbestimmt entbinden zu können.

Was ist das Schönste am Mama-Sein?

Das eine Schönste kann ich gar nicht benennen. Es ist ja wahnsinnig viel so schön: Zum Beispiel, wenn meine Tochter morgens wach wird, sich erst einmal ausgiebig räkelt, beginnt ihre Umgebung wahrzunehmen und zu lächeln. Uns anzulächeln! Es ist schön, ihren Geruch zu atmen, sie riecht immer leicht nach Vanille. Außerdem ist sie wahnsinnig verschmust und braucht viel Körperkontakt. Ich mag es, sie im Tragetuch zu halten, sie zu stillen. Was ich auch sehr genieße, ist die Elternzeit an sich. Ich habe davor sehr viel gearbeitet, auch in der Schwangerschaft. Jetzt finde ich es toll, keine Termine zu haben, außer denen, die sich ums Kind drehen. Einfach mal drei Stunden spazieren zu gehen, wenn meine Tochter das mag, einen Kaffee zu trinken, im Botanischen Garten zu sitzen und das Kind anzuhimmeln, während alle anderen arbeiten: Das ist ein Privileg!

Und was empfindest Du als größte Herausforderung?

Für mich persönlich ist es am schwersten, einfach Mutter zu sein und nicht Hebamme. Dass ich den rationalen Hebammenkopf ausschalte und Dinge vielleicht auch mal gegen das Lehrbuch mache. Weil ich das Gefühl habe, dass es mir und meiner Tochter gut tut. Ich war zum Beispiel sehr schwach auf den Beinen nach der Geburt, weil ich viel Blut verloren habe. Trotzdem bin ich ziemlich früh jeden Tag rausgegangen, weil ich gemerkt habe: Mir fällt sonst die Decke auf den Kopf. Das hätte ich mir als Hebamme so erstmal nicht empfohlen. Schwer ist es auch, den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, alles richtig machen zu wollen. Als Hebamme ist man ja nicht nur Mama sondern hat auch Vorbildfunktion. Da existiert eine unheimliche Erwartungshaltung. So nach dem Motto: Als Hebamme muss man immer am tollsten stillen können.

Aus Deiner Erfahrung mit Paaren und Müttern: Was sind die häufigsten Fragen frischgebackener Eltern?

Die häufigste Frage endet immer mit: Ist das normal? Egal ob Verdauung, Trinken, Schreiphase am Abend oder Nabelheilung. Mütter und Väter wollen immer wissen: Bin ich damit alleine? Mache ich auch alles richtig? Man will immer der Norm entsprechen. Aber normal ist nicht immer nur der Durchschnitt. Das meiste ist normal, eine ganze Bandbreite. Unsere Aufgabe als Hebamme ist es, zu sehen: Was ist wirklich anders als es sein sollte? Dass wir die wenigen Fälle rausfiltern und sie ggf. an einen Kinderarzt verweisen. Und so gemeinsam schauen, wie man etwas wieder ins Lot bekommt.

Was rätst du verunsicherten Eltern?

Primär empfehle ich, auf die eigene Intuition zu hören. Nicht unbedingt auf das, was Nachbarn, Freunde oder Eltern vielleicht für richtig erachten. Nicht den hundertsten Ratgeber lesen oder gar im Internet googeln, das verunsichert nur. Am besten ist es, sich eine Person des Vertrauens zu suchen, mit der man seine Fragen bespricht. Das können natürlich wir Hebammen sein, aber auch der Kinderarzt. Ganz wichtig ist es, sein Kind selbst zu beobachten, um ein Gefühl zu bekommen, was es braucht, und ob alles in Ordnung ist: Trinkt es gut? Verdaut es regelmäßig? Ist es wach und aufmerksam? Schläft es gut? Auch wenn von außen betrachtet alles normal ist, wird ein ein Baby manchmal in die Kinderklinik gebracht, weil die Eltern sagen und spüren: Da stimmt etwa nicht. Und das hat seine Berechtigung. Denn Mütter und Väter haben einfach eine einzigartige Bezugsebene zum Kind.

Deine drei Top-Tipps fürs Wochenbett?

Total wertvoll für mich war, in der Schwangerschaft vorzukochen und die Gefriertruhe zu füllen. So mussten wir uns in den ersten Tagen und Wochen nicht darum kümmern, wer was auf den Tisch zaubert, sondern konnten uns voll aufs Kind konzentrieren. Wichtig ist auch, dass der Partner Urlaub hat und helfen kann. Oder, wenn das nicht geht, eine Vertrauensperson fragen. Eltern, Geschwister, Freunde – die man auch mal bitten kann, etwas zu kochen oder durchzusaugen oder das Bett frisch zu beziehen. Das ist wirklich Gold wert! Und keinen oder nur sehr begrenzt Besuch zulassen. Dann hat man viel mehr Ruhe, sich gegenseitig kennenzulernen und als Familie zusammenzuwachsen.

Noch ein Blick auf das große Ganze: Wie sieht die aktuelle Situation von Hebammen in Deutschland aus? 

Leider nicht gut. Die Haftpflichtprämien steigen jedes Jahr erneut, die Arbeitsbelastung ist hoch und freiberufliches Arbeiten lohnt sich durch die hohen Ausgaben kaum mehr: Hebammen, die Beleg- oder Hausgeburten anbieten, können sich ihre Arbeit unter anderem aufgrund der hohen Versicherungssummen nicht mehr leisten. Aber auch, wer nur Nachsorgen anbietet, muss immer mehr arbeiten, um überhaupt seine Ausgaben zu decken. Für schwangere Frauen bedeutet das, dass bald der Geburtsort nicht mehr frei gewählt werden kann. Denn nicht für jede Frau ist die Geburt im Krankenhaus mit angestellter Hebamme das Optimum. Außerdem finden viele Schwangere schon jetzt keine Hebamme für Vor- und Nachsorge mehr, da es sich für diese nicht mehr lohnt, in geringem Umfang zu arbeiten. Und in den Krankenhäusern ist die Situation ebenfalls schwierig: Die Kreißsäle sind voll, da weniger Geburten außerhalb stattfinden. Und die Teams sind oftmals gestresst durch die hohe Arbeitsbelastung. Wir Hebammen betreuen ja nicht nur die Geburt an sich. Wir müssen sie auch immer umfangreicher dokumentieren, wir putzen zum Teil nachts selbst, wenn keine Reinigungskraft da ist, wir füllen Schränke mit den benötigten Materialien auf. Und hinzu kommt die riesengroße Verantwortung für das Leben der uns anvertrauten Frauen und Babies.

Was wünschst du dir für die Zukunft deines Berufsstands? 

Für meine Kolleginnen und mich wünsche ich mir, dass wir von unserer Arbeit leben können, sprich: Dass die Krankenkassen uns angemessen entlohnen und dass die Haftpflichtprämien bezahlbar werden. Für die Frauen hoffe ich, dass sie auch zukünftig selbstbestimmt, an dem von ihnen gewählten Ort, gebären dürfen. Und dass alle Frauen eine Nachsorgehebamme finden.

Zum Weiterlesen: www.hebammenverband.de; www.unsere-hebammen.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.