Über mein Vor- und Nach-Kinder-IchAm vergangenen Wochenende las ich in der Süddeutschen Zeitung diesen Artikel zum Thema „Urlaub unter Kindern. Wenn Freunde Eltern werden.“ Darin berichtet der Autor höchst unterhaltsam, aber auch mit einer gehörigen Portion Besserwisserei, wie er und seine Partnerin (ohne Kinder) einen Urlaub mit guten Freunden und deren Nachwuchs erlebt haben. Von einigen unnötig klischeebehafteten Seitenhieben auf uns Eltern („Sie erzählen todlangweiliges Zeug […] und verfallen zudem optisch rasend schnell […].“) einmal abgesehen: Der Beitrag erinnert mich an ein sehr ähnliches Urlaubserlebnis. Das mir in der Rückschau allerdings nicht traumatisch erscheint. Sondern mir vielmehr die Unterschiede zwischen meinem Vor- und Nach-Kinder-Ich überdeutlich vor Augen führt.

Denn damals wunderte ich mich über Verhaltensweisen und Dinge, die mir heute völlig normal erscheinen: Kleinkindliche Trotzreaktionen, etwa, oder eine für nur wenige Urlaubstage bis unter den Dachhimmel vollgepackte Familienkutsche. All das sah ich vor fünf Jahren mit ganz anderen Augen als heute. Der Schritt von der kinderlosen Single-Frau zur Mama in Elternzeit ist mit einem Perspektivwechsel einhergegangen, der krasser nicht sein könnte. Hier einige Standard-Situationen mit Kindern und meine Bewertung – aus damaliger und heutiger Sicht.

Urlaubszeit. Ein mit Kinderwagen, Laufrädern, Fläschchenwärmern, Reisebettchen und Großpackungen an Windeln vollgepacktes Auto fährt vor. Ein fünfköpfige Familie darin.

  • Früher hätte ich gedacht: „Man kann’s auch übertreiben. Die haben ja ihren halben Hausstand dabei!“
  • Heute meine ich: „Wow, eine Woche Urlaub ganz ohne Dachbox! Die haben sich ja wirklich auf das Nötigste beschränkt.“

Trotzanfall im Supermarkt. Ein Kleinkind wälzt sich schreiend vor der mit verlockenden Schoko-Schätzen bestückten Kasse, weil seine Mutter ihm ein Überraschungs-Ei verweigert.

  • Früher: „Ganz schön willensstark, das Kleine! Das sollte mein (zukünftiger) Nachwuchs mal versuchen!“
  • Heute: „Alles nur eine (Trotz-)Phase. Da müssen wir Eltern durch. Aber was haben eigentlich diese ganzen Quengelwaren an der Kasse zu suchen?!“

Die Wohnung einer vierköpfigen Familie. Im Wohnzimmer kann man sich vor lauter Kinderspielzeug kaum noch bewegen.

  • Früher: „Wahnsinn! Dieses ganze Plastikgedöns würde mich ja wahnsinnig machen. Wozu gibt es denn Kinderzimmer?“
  • Heute: „Ist doch praktisch, wenn die Kinder in deinem Blickfeld spielen. Habe schon häufig Schlimmeres dadurch verhindern können.“

Gemeinsames Sonntagsessen mit Freunden. Sie bitten um eine große Plastiktüte, um diese rund um den Hochstuhl ihrer anderthalbjährigen Tochter schützend über unseren Teppich zu breiten. Begründung: Zu viele Lebensmittel gingen auf dem Weg von der Hand in den Mund verloren.

  • Früher: „So schlimm kann das doch nicht sein, oder?“
  • Heute: „Wo ich schon überall Essensreste meiner Kinder entdeckt habe, bleibt lieber mein Geheimnis.“

Eine Freundin beklagt sich, ihr Kind sei während des ersten halben KiTa-Jahres mehr krank zu Hause als bei seinen kleinen Spielkameraden in der Einrichtung gewesen.

  • Früher: „Ist das nicht ein bisschen übertrieben? So oft kann ein Kind doch gar nicht krank sein!“
  • Heute: „Die Ärmste! KiTas sind echt die reinsten Viren-Parties. Aber wer da schon als Kleinkind durchgegangen ist, den trifft es dann wenigsten im Kindergarten nicht mehr so häufig.“

Die Rücksitzbank im Auto einer kinderreichen Familie: Szenen wie auf einem Schlachtfeld. Die zerpflückten Überreste einer Brezel mischen sich mit großflächig verstreuten Butterkeks-Krümeln und klebrigen Klecksen vom letzten Trinkpäckchen.

  • Früher: „Essen und Trinken im Auto – das würde ich meinen Kindern nicht erlauben!“
  • Heute: „Wenn die Kids wenigstens für fünf Minuten Fahrt nicht jammern, weil sie eine Brezel in ihre Einzelteile zerlegen (und einen Teil davon essen), hat es sich schon gelohnt!“

Eine Freundin erzählt, sie brauche oft eine geschlagene Stunde „Anlaufzeit“, um mit ihrem Neugeborenen das Haus zu verlassen.

  • Früher: „Wo ist das Problem? Säugling anziehen, in die Babyschale packen und fertig!“
  • Heute: „Kann ich total nachvollziehen. Erst wickelt man und danach macht das Baby die Windel voll. Also nochmal von vorne … Und wenn endlich alle Klamotten wieder an ihrem Platz sind, spuckt das Baby einen Haufen Milch über alles, so dass man Baby (und in schlimmeren Fällen auch sich selbst) nochmal umziehen muss. Und spätestens, wenn das Kleine in Kinderwagen oder Babyschale gelegt wird, fällt ihm ein, dass es nochmal Hunger hat. Und dann nochmal verdauen muss … Ein ewiger Kreislauf.“

Ich beobachte, wie eine Bekannte mit ihrem Säugling spricht: „Ja, hallo, du Süßer! Hallo, du Süßer! Hallo, du Süßer!“

  • Früher: „Die Ärmste! Hat sie etwa ein Echo eingebaut?“
  • Heute: „Ach, die Zwei sind aber nett! Die sind ja nett! Die sind ja nett!“

Und ihr: Hat sich euer Blick auf Kinder und das Leben mit ihnen verändert, seit ihr selbst Eltern seid? Oder war/ist das gar nicht nötig?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.