Anne Adamski LandlebenVon Berlin nach Bayern. Vom Großstadtgewühl ins ländliche Idyll: 2011 zogen Anne Adamski und ihr Mann Matthias in ein kleines Örtchen am oberbayrischen Schliersee. Dort betreiben sie das Hotel Garni Gästehaus Hubertus. Zuvor hatten die studierten Hotelbetriebswirte in Berlin in einem großen Fünf-Sterne-Haus im Sales und Marketing gearbeitet. Von hinter den Kulissen wechselten Anne und ihr Mann an den Empfang ihres eigenen kleinen Betriebs. Von der Kundenakquise ging es ins Gästegespräch am Frühstücksbuffet.

Anne war einer meiner ersten Kontakte vor Ort. Und da wir beide aus dem Rheinland stammen, hatten wir von Anfang an einen guten Draht zueinander. Die zierliche 37-Jährige ist nicht nur Unternehmerin sondern auch Mutter zweier Söhne, fünf und fast drei Jahre alt. Im Gespräch mit mir verrät Anne, warum sie manchmal von einem Coffee to go träumt und welche Ausflugsziele sie in der Region empfiehlt.

Warum seid ihr aufs Land gezogen?

Weil wir hier die Möglichkeit hatten, uns selbstständig zu machen, unser eigenes Hotel zu führen. Über einen Kontakt aus der Branche hörten wir, dass das Gästehaus Hubertus einen neuen Pächter suchte, gerne auch ein Betreiberehepaar. Im Februar 2011 kamen wir erstmals hierher: Es war Bilderbuchwetter, der See zugefroren, die Berge verschneit. Und so fiel unsere Entscheidung, zu bleiben.

Unser älterer Sohn war zu dem Zeitpunkt acht Monate alt. Und in der neuen Konstellation hatten mein Mann und ich die Möglichkeit, beide zu arbeiten. Wir haben uns in der Betreuung abgewechselt, keiner musste richtig lange Elternzeit nehmen. Ideal für eine kleine Familie!

Wie habt ihr den Wechsel von Berlin nach Schliersee erlebt?

Das war zunächst eine große Umstellung. Beruflich gesehen wechselten wir von einer Fünf-Sterne-Hotellerie in ein Drei-Sterne-Haus. Dafür konnten wir aber auch unser Angestelltenverhältnis aufgeben und uns selbst verwirklichen. Sich die Zeit selbst einteilen zu können, unsere eigenen Vorgesetzten zu sein: Das funktionierte von Anfang an sehr, sehr gut für uns.

Anne Adamski Landleben
Weitblick: Anne mit einem ihrer Söhne.

Trotzdem haben wir unsere alte Heimat vermisst. Wir sind beide durch und durch Städter. Und haben in Berlin natürlich die unzähligen kulinarischen Angebote genossen. Sich mal schnell beim Coffee-Shop um die Ecke den Espresso oder Latte Macchiato auf die Hand zu holen. Und einen frischen Bagel dazu. Oder einfach mal Window-Shopping zu machen, sich inspirieren zu lassen. Das fehlte uns hier. Und deshalb waren wir anfänglich bestimmt zweimal pro Woche in München.

Außerdem haben wir einen großen Freundes- und Bekanntenkreis in Berlin zurückgelassen. Das hat uns am Anfang schon wehgetan. Hinzu kam, dass wir zum Sommer hergezogen sind. Und die ganzen Baby-Kurse, die ich gerne gemacht hätte, um Leute kennenzulernen, hatten Sommerpause. Das musste dann bis nach den Ferien warten.

A propos Kennenlernen: Wie hast du vor Ort Kontakte geknüpft?

Ganz zu Beginn hatte ich mich für einen Pilates-Kurs eingeschrieben. 20 Uhr, in einer umgebauten Scheune. Ich dachte, dort würde ich andere Mütter oder Gleichaltrige kennenlernen. Aber leider waren dort nur Teilnehmer mit 60 Jahren aufwärts. Ich habe nie herausgefunden, warum das so war.

Die meisten Kontakte habe ich dann durch meine beiden Jungs geknüpft. Viele davon nach der Geburt meines zweiten Sohnes über die Spielgruppen und Kurse, die ich mit ihm besucht habe. Weitere schöne Kontakte sind über die Krippeneinrichtung meines älteren Sohnes entstanden. Und dann habe ich natürlich auch die klassischen Spielplatzbekanntschaften geschlossen.

Was ist das Schönste am Landleben?

Es ist super, die Natur zu erleben. Wir haben den See direkt vor der Nase und können im Sommer bei schönem Wetter schwimmen gehen. Außerdem lädt die Berglandschaft zum Wandern ein. Das haben wir tatsächlich hier angefangen und durch den Umzug kennengelernt. Kleine Aufstiege und Wanderungen in den Bergen: Wir finden es toll, das als Familie gemeinsam mit unseren Jungs zu erleben. Wir haben immer ein Gefühl von Freiheit hier auf dem Land. Denn wir sind ja nicht in einer – mit allem Vorbehalt – verbauten Stadt. Man mag darüber lachen, aber was ich auch schön finde, ist das bayerische Brauchtum. Auch wenn ich selbst vielleicht kein Dirndl anziehen würde, finde ich das immer wieder toll. Zum Beispiel, wenn an Leonhardi die Rösser geweiht werden.

Und was ist die größte Herausforderung auf dem Land?

Herausforderung wäre schon zu viel gesagt. Aber schade ist, dass wir als Familie wirklich auf zwei Autos angewiesen sind. Sich alleine auf Bus und Bahn zu verlassen, das funktioniert hier leider nicht. Ich glaube, der Bus fährt zweimal am Tag durch den Ort. Und durch die Berglandschaft fällt auch das Fahrrad als Alternative zum Auto weg. Also mit Anhänger dran und zwei Kindern im Gepäck käme ich nicht weit mit meinem Hollandrad. Wir haben zwar einen Bäcker direkt um die Ecke, aber schon um die Frühstücksmilch einzukaufen, muss man sich ins Auto setzen. Aber man lernt, damit zu leben. Und inzwischen ist es für mich in Ordnung, zwei- bis dreimal die Woche Großeinkauf zu machen. Man munkelt, dass wir vielleicht bald einen kleinen, wöchentlichen Bauernmarkt bei uns im Ortsteil bekommen. Das fände ich total nett und auch eine tolle Alternative zum Supermarkt!

Im Vergleich zum Leben in der Stadt: Was vermisst du?

Als wir hierher kamen, dachten wir zunächst: Oh je, hier gibt es ja gar nichts! Aber mit der Zeit hat sich dieser erste Eindruck relativiert. Wir haben kleine Lädchen und Boutiquen kennengelernt, wo wir gerne hingehen. Die genau das führen, was wir uns vorstellen. Insofern finde ich, dass die Qualität des Angebots stimmt. Aber die Quantität, diese Vielzahl von Angeboten, die man in der Stadt hat, fehlt natürlich.

Anne Adamski Landleben
Neues Hobby: Anne beim Bergwandern.

Was ich am meisten vermisse: Spontanität. Dass wir nicht die Möglichkeit haben, mal spontan ins Theater oder Museum zu gehen. In Berlin wird man mit solchen Angeboten ja geradezu überflutet. Hier muss man einen Ausflug in die Stadt ganz anders vorab planen und vor allem mit mehr Zeit, da ja noch An- und Abreise hinzukommen. Es ist halt ein Riesen-Aufriss, zum Beispiel nach München ins Konzert zu gehen. Das Leben auf dem Land ist in dieser Hinsicht einfach aufwändiger. Allerdings frage ich mich bei meinen Freundinnen, die in der Stadt leben, ob sie all diese Angebote denn tatsächlich auch nutzen. Oder ob nicht generell eine Verschiebung des eigenen Lebens stattfindet, wenn man Kinder hat und eine Familie gründet.

Im Umkehrschluss: Welche Angebote würden deinen Ort bereichern?

Eine kleine Fußgängerzone oder ein Marktplatz in Schliersee wären toll. Das würde das Stadtbild bereichern: ein Café, ein Buchladen, ein Spielzeuglädchen. Es müssen ja noch nicht mal Klamotten-Boutiquen sein. Einfach ein Platz, wo man sich trifft, mit den Leuten in Kontakt kommt.

Inwiefern profitieren eure Kinder vom Leben auf dem Land?

Auch wenn das jetzt spießig klingt: Ich bin froh, dass meine Kinder hier so behütet aufwachsen. Dass die soziale Struktur der Familien sehr ähnlich ist. Es hat schon seinen Charme, dass die Jungs und Mädchen einen mit „Servus!“ und „Grüß Gott!“ begrüßen. Und nicht mit „Ey, Alte!“. Es ist einfach ein angenehmes Miteinander. Alles ist kleiner, überschaubarer: Die Jungs gehen in einen Kindergarten, der vielleicht maximal 200 Kinder hat und nicht 500. Durch das Vereinsleben gibt es außerdem eine tolle Gemeinschaft vor Ort. Wenn die Kinder älter sind, werden sie davon viel mitbekommen. Das muss vielleicht nicht unbedingt der Trachtenverein sein (lacht). Aber die Skizunft oder der Turnverein. Ich finde es auch toll, dass der Sport hier für Kinder und Jugendliche groß geschrieben wird. Sei es jetzt Wandern. Oder Mountainbiken. Oder Abfahrtsski.

Das schlimmste Klischee oder Vorurteil übers Landleben?

Die Vorstellung, dass man auf dem Land nur noch in Latzhose und Gummistiefeln rumläuft. Am besten noch mit der Heugabel in der Hand. Das ist natürlich Quatsch. Man trägt ja genauso seine Ballerinas und zieht sich schön und gepflegt an, wenn man essen geht.

Deine Must-Haves fürs Landleben?

Das Auto. Oder sogar zwei Autos als Familie. Und gefütterte Fellstiefel für die wirklich knackig-kalten Wintertage hier. Und natürlich gute Wanderschuhe für die Bergtouren.

Deine Lieblingsorte für und mit Kindern?

Die liegen direkt vor der Haustüre: Natürlich der See im Sommer. Und das Strandbad Schliersee mit dem Kinderspielplatz, der Wasserrutsche und dem Wassertrampolin. Toll ist auch der Rundweg um den See: Auf halber Strecke kann man eine Rast in der Rixner Alm machen und dort mit Kids zum Beispiel ein Bauerneis genießen. Wenn’s Richtung Berge geht, ist die Runde vom Spitzingsee durchs Vallep total kinderwagenkompatibel. Zum Einkehren empfiehlt sich dort die Albert-Link-Hütte mit Kinderspielplatz und Kühen, die direkt am Wegesrand stehen. Wenn’s etwas weiter weg sein darf: Unsere Jungs lieben zum Beispiel den Märchenpark in Ruhpolding. Ein netter Tagesausflug mit Kids ist auch der Chiemsee. Schloss Herrenchiemsee besichtigen, eine Bootstour machen: All das eignet sich super für Familien.

Deine Lieblingsorte für und mit Erwachsenen?

Einen (kinder-)freien Abend genießt man am besten bei einem leckeren Essen vom Grill im Strandbad Schliersee oder ganz entspannt bei Sonnenuntergang direkt am Wasser in der Mini Lounge. Zum Shoppen und Bummeln lohnt sich ein Ausflug nach Bad Tölz mit seiner sehr schönen Innenstadt direkt an der Isar. Und donnerstags ist Markttag in unserer Kreisstadt Miesbach. Auf dem kleinen Marktplatz kann man frisches Obst und Gemüse kaufen, Blumen, frische gefüllte Nudeln oder türkische Leckereien. Eine gute Sicht auf das Markttreiben hat man anschließend bei einem Kaffee oder einem kleinen Frühstück im Café Huatfabrik.

2 comments on “Mein Landleben || Anne Adamski: „Ein Gefühl von Freiheit“”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.