Mein Landleben Stefanie KösslerWas verschlägt eine gebürtige Salzburgerin in ein kleines Örtchen am Schliersee? Und was vermisst sie am meisten an ihrer Heimatstadt? Die Kasnocken sind es nicht, so viel sei vorab verraten… In meiner „Landleben“-Reihe stelle ich euch heute Stefanie Kössler vor. Die 34-Jährige begann ihr Landleben 2007 mit einer Viertagewoche als Psychologin am örtlichen Kreiskrankenhaus. Heute ist Steffi fest in der Region Miesbach verwurzelt und lebt mit ihrem Freund, dessen älterer Tochter und der gemeinsamen, fast dreijährigen Tochter ein Patchwork-Familien-Modell. Im Gespräch verrät die humorvolle Österreicherin mit dem charmanten Salzburger Dialekt, warum der Winter auf dem Land auch körperlich anstrengend ist und wie ein Riesen-Wohnzimmer das öffentliche Leben in ihrer Gemeinde bereichern würde.

Warum bist du aufs Land gezogen?

Ursprünglich war mein Lebensmittelpunkt Salzburg, wo ich auch Psychologie studiert habe. Aber interessanterweise habe ich von Beginn meines Berufslebens an in Salzburg gewohnt und in Bayern gearbeitet. Zunächst in Berchtesgaden. 2007 kam dann das Akademische Lehrkrankenhaus der LMU München in Agatharied. Unter dem Ortsnamen konnte ich mir erst gar nichts vorstellen. Zunächst bin ich auch wieder gependelt, habe in Agatharied vier Tage die Woche als Psychologin gearbeitet und war dann drei Tage in Salzburg. Es war also quasi ein langsamer Einstieg aufs Land.

Nach der Trennung von meinem damaligen Freund habe ich beschlossen, den kleinen Wohnraum, den ich eh schon hatte, voll auszunutzen. Und dann hat auch wirklich mein Leben hier begonnen. Ich habe mehr und mehr Kontakte geknüpft. Denn das passiert ja eigentlich auch am Wochenende. Über Unternehmungen und Ausflüge habe ich den Landkreis Miesbach richtig kennengelernt. Ich bin dann noch mehrmals in der Region umgezogen und 2010 hat mich dann die Liebe nach Schliersee verschlagen – zu meinem Freund und Vater meiner Tochter.

Was ist das Schönste am Landleben?

Es gibt ja nochmal eine Abstufung von Landleben zu Landleben. Zwischen Miesbach, als kleiner Kreisstadt, und Schliersee als 6.000-Seelen-Gemeinde. Das Leben in Miesbach, wo ich zwischenzeitlich gewohnt habe, habe ich schon sehr genossen. In Schliersee finde ich den See sehr attraktiv, das Strandbad, die Radlstrecken am und um den See. Hier ist es wirklich so, dass du jeden kennst und dass dich jeder erkennt. Wenn du zum Bäcker gehst, dann heißt es: „Ah, ja, heute wieder dieses Brot?“ Dann fühlst du dich gleich gut aufgehoben. Und das braucht man für Schliersee besonders, finde ich. (lacht)

Mein Landleben Stefanie Kössler
Steffi an einem ihrer Lieblingsplätze: dem Strandbad.

Was ist die größte Herausforderung?

Tatsächlich der lange Winter. Und seit ich mit meiner Tochter zu Hause bin, kriege ich das auch noch intensiver mit. Es hat alles eine gewisse Beschwerlichkeit, diese Schneemassen und das Einstellen auf die Natur. Nicht ich als Mensch bin der zentrale Punkt, sondern ich muss mich auf die Natur einstellen. Sie beobachten und zum Beispiel schauen: Wann muss ich im Winter Schnee schaufeln, damit ich zu dem und dem Zeitpunkt irgendwo sein kann? Das ist tatsächlich auch körperlich anstrengend. Auch die Dunkelheit empfinde ich als Herausforderung. Und das mit sich selbst beschäftigen. In der Winterzeit setzt man sich viel mehr mit sich selbst auseinander, weil man ja gezwungenermaßen sehr häuslich ist. Das wirft einen viel mehr auf sich selbst zurück. In der Stadt ist das anders. Da geht man raus und lässt sich ablenken, sucht die Zerstreuung. Es ist ja auch ständig ein Außenreiz da. Dass das auf dem Land nicht so ist, finde ich gar nicht schlecht. Dadurch horcht man dann wirklich mal in sich hinein und fragt sich, „Was ist meine Leidenschaft und was macht mich aus?“ Man kann sich nicht so sehr an anderen orientieren. Und sich auch nicht über andere definieren. Vielleicht hat es aber auch mit dem Muttersein zu tun, weil man einfach mehr zu Hause ist.

Im Vergleich zum Leben in der Stadt: Was vermisst du?

Ich merke die Unterschiede zwischen Stadt und Land deutlich, wenn ich in Salzburg bin, wo meine Familie lebt. Dort gibt es ein ganz anderes kulturelles und gastronomisches Angebot. Was ich aber meist auch nicht wahrnehmen kann, da ich ja in der Regel mit meiner Tochter unterwegs bin. Ich habe aber auch gar nicht das große Bedürfnis danach. Viel eher gefällt es mir, durch Salzburgs Straßen zu flanieren und die unterschiedlichen Einflüsse der Menschen aufzusaugen. Dort gibt es ja sehr unterschiedliche Typen. Ältere und Jüngere. Studenten und Straßenmusiker. Und das vermisse ich in Schliersee: Dass ich irgendwo spazieren gehe und dabei Eindrücke sammle und mich inspirieren lasse. Ich spüre eine große Lebendigkeit, die von diesen unterschiedlichen Lebensentwürfen ausgeht. Und die sich auf mich selbst überträgt. Natürlich gibt es in Schliersee auch unterschiedliche Persönlichkeiten, aber in einer anderen Qualität. Oder man muss die Leute aktiv suchen, weil sie so nicht im Stadtbild sichtbar sind.

Dadurch dass die Berge so nah sind und das Klima so rauh ist, kleiden sich viele Menschen hier auf dem Land eher funktional. Wenn ich nach Salzburg fahre, sehe ich auch rein Äußerlich eine große Vielfalt. Die einen gehen in Crocs, die anderen in Stöckelschuhen. Hier stöckelt kaum jemand einfach mal so mit High Heels herum. Damit fällst du halt auch gleich auf.

Welches Angebot würde deinen Ort bereichern?

Ich fände es schön, wenn es eine Art Geschäftsmeile gäbe. Oder einfach noch ein paar Geschäfte mehr. Ich glaube, dadurch kämen auch mehr Leute auf die Straße. Und würden die Ortsmitte etwas mehr beleben. Auch eine tolle Initiative sind Straßenfeste. Es ist unglaublich, wie viele Schlierseer beim letzten Fest dabei waren.

Außerdem würde ich mir einen öffentlichen Raum wünschen, eine Art Riesen-Wohnzimmer oder erweiterte Küche, wo man sich zusammensetzen und gemeinsam etwas gestalten kann. Zusammen kochen, gemeinsam essen. Nach dem Prinzip: Einer hat eine Idee, teilt sie, und man lernt voneinander. Jeder würde etwas anbieten, das er gut kann. Eine Entspannungsreise, Kindertanzen, Bewegung, Körperarbeit – das fände ich toll. Es sollte aber tatsächlich im öffentlichen Raum sein, nicht nur im privaten Rahmen. Einfach, weil man selbst ja auch einmal raus möchte. Und gerade im Winter nach einem solchen Angebot sucht. Hier gibt es schon so viel vom Gleichen. Gasthäuser und Cafés, touristische Angebote. Ein Gemeinschaftsraum würde nochmal einen ganz anderen Akzent setzen im öffentlichen Leben der Gemeinde.

Das schlimmste Vorurteil übers Landleben?

Wenn ich meine Freundinnen in Salzburg besuche, höre ich oft: „Ach, du bist schon ein richtiges Landei geworden!“ Das nervt mich zwar. Aber in gewisser Weise haben sie nicht ganz Unrecht: Wenn in Salzburg viel los ist, merke ich selber schon, dass ich eher die Ruhe suche. Oder wenn ich nicht auf dem neuesten Stand in punkto Kinofilmen bin. Dann sagen sie: „Stimmt, du kommst ja vom Land …“ In Wirklichkeit hängt es aber vielleicht eher damit zusammen, dass viele meiner Salzburger Freundinnen noch keine Kinder haben. Und sie einfach mehr Zeit als ich haben, ihren kulturellen Interessen nachzugehen. Insofern ist dieses „Landei“-Ding auch ein bisschen ein Vorurteil.

Deine Must-Haves fürs Landleben?

Ein Auto mit Allrad. Weil man bei Schnee sonst tatsächlich nicht den Berg hochkommt oder es durch den Tiefschnee schafft. Für den Winter ist außerdem ein Schlitten toll. Einfach anstelle eines Kinderwagens, um die Kids zu transportieren. Außerdem braucht man gute, funktionale Kleidung, mit der man warm durch die kalte Jahreszeit kommt. Komisch, aber bei der Frage denke ich tatsächlich vorwiegend an Winter, weil der hier so lang ist. A propos: Humor und Spontanität musst du auch haben. Damit du die Dinge locker nimmst. Etwa, wenn dir das Wetter einen Strich durch deine Pläne macht. Und du dir spontan etwas anderes einfallen lassen musst. Körperlich fit muss man fürs Land übrigens auch sein. Fürs Schneeschippen und die zum Teil langen Fahrdistanzen. Hätte ich ein Gebrechen oder wäre krank, dann wäre ich echt aufgeschmissen.

Wie hast du vor Ort Kontakte geknüpft?

Die meisten Kontakte habe ich über meine Tochter mit anderen Müttern geknüpft. Zum Teil haben sich auch Gespräche und Bekanntschaften über Kurse ergeben, die ich besucht habe. Aber eigentlich war es so, dass eine Bekannte das Zugpferd war und mehrere Kontakte zusammengebracht hat, die gut harmonieren. Da hat sich so ein richtig festes Grüppchen gebildet. Außerdem kommen noch Mütter vom Kindergarten hinzu. Da erweitert sich der Bekanntenkreis auch nochmal enorm, wenn das Kind in den Kindergarten kommt und man sich da und dort mit engagiert. Außerdem verstehen wir uns recht gut mit den zwei anderen Familien in unserem Haus. Da haben sich auch Freundschaften gebildet. Und ich finde es zum Beispiel sehr, sehr schön, wenn sich alle im Garten treffen.

Deine Lieblingsorte in der Region?

Das Schlierseer Strandbad Iiebe ich persönlich sehr. Das bringt nochmal einen ganz anderen Einfluss in die Gemeinde. Und auch so viel Leben hierher. Wenn die Kinder auf dem Spielplatz am See turnen und man selbst mit einem Glas Aperol Spritz in der Hand daneben sitzt. Das finde ich wunderschön.

Direkt gegenüber vom Strandbad gibt’s auf der anderen Seeseite nochmal eine Badestelle mit Grillmöglichkeit. Die ist ein bisschen ab vom Schuss und nicht mit dem Auto zu erreichen. Aber urig und auch sehr schön. Überhaupt hat der Schliersee natürlich viele tolle Plätze zu bieten. Sehr gerne sitze ich mit Freundinnen oder meinem Freund (mit oder ohne Kinder) auf der Fischhausener Seite des Sees. Dort finde ich den Ausblick einfach am schönsten.

Nett ist auch die Schliersberg Alm mit dem großen Spielplatz, Trampolinen, Minigolf und einer Rodelbahn zurück ins Tal. Am besten unter der Woche oder gegen Abend hingehen, dann ist es ein bisschen ruhiger.

 

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