Auf AutopilotErst Gemüsestand. Zack. Dann Kühltheke. Zack. Nochmal zurück. Kinderkekse vergessen. Zack. Wenn ich einkaufe, bin ich auf Autopilot. Warum auch nicht? Schließlich gehört Einkaufen zu meiner Alltagsroutine als Elternzeit-Mama. Nichts, dem ich größere Aufmerksamkeit oder Energie widmen wollte. Gleicher Ablauf. Gleiche Geschäfte. Gleich sind wir fertig … Sehr ähnlich verhält es sich mit dem anderen ungeliebten Haushalts-Kram. Spülmaschine ausräumen? Wäsche falten? Krümel einsaugen? Autopilot rein und los geht’s! Manchmal merke ich aber, dass der routinierte Augen-zu-und-durch-Modus auch eingeschaltet ist, wenn ich mit meinen Kindern zusammen bin. „So what?“, sagt ihr. „Na ja“, sage ich.

Es ist doch so: In manchen Situationen mit unseren Kindern, kann der Autopilot tatsächlich lebensrettend sein. Zum Beispiel, wenn ich die 280. Nacht in Folge aufstehe, um einem hungrigen Baby das geliebte Milch-Fläschchen anzurühren. Schlaftrunken aus dem Bett. Heißes Wasser. Kaltes Wasser. Mixen. Zack. Und schon nuckelt sich der kleine Mann wieder ins Land der Träume. Wenn ich nicht den Autopilot hätte, der mich beim ersten Quietschen meines Sohnes unbarmherzig aus dem Bett wirft … Angesichts meines Schlafdefizits würde ich vermutlich einfach liegen bleiben.

Oder bei der Raubtierspeisung am Abend. Wenn wir hungrig und (alle!) schon etwas müde vom Spielplatz, Playdate oder von sonstigen Aktionen nach Hause kommen. Und der Krümellord seinem Speisewunsch mit energischem Brüllen Nachdruck verleiht. Während die Krümellady verzweifelt und unter lautstarkem Protest versucht, die beiden Gurkenhälften wieder zusammenzusetzen, die ich – unter Missachtung ihrer Vorgaben – versehentlich auseinandergeschnitten habe. Dann hilft mir nur: Durchatmen. Autopilot einstellen. Lärmpegel ausblenden. Babybrei füttern. Kleinkind trösten: „Aber im Magen setzt sich die Gurke doch wieder zusammen.“ (Okay, Biologie war bei mir kein Abi-Fach …)

Aber was ist mit den Situationen, in denen weder die Krümelkinder noch ich selbst hungrig, müde oder krank sind? Die man eigentlich entspannt angehen könnte. Darf man da auch den Autopilot ans Steuer lassen? Wenn es sich irgendwie vermeiden lässt, dann nicht, finde ich. Schließlich lieben Kinder das Ungewöhnliche im Alltäglichen.

Wenn wir spontan beide Augen zudrücken und just vor dem Abendessen noch „Einmal Erdbeer in der Waffel!“ beim örtlichen Eis-Dealer abstauben. Wenn der kleine Bruder im Bett liegt und die große Schwester mit Schlafanzug und Hausschuhen Seifenblasen im Garten pusten darf. Wenn der Krümellord sich durch meine veritable Schal-Sammlung wühlt. Wenn die Spätherbstsonne noch so schön warm ist, dass wir zur Abwechslung auf der Terrasse zu Mittag essen. Wenn wir einen Abstecher zur Blumenwiese machen, um dort lilafarbenen Klee und gelbe Lederblümchen zu pflücken. Alles gar nicht so verrückt, findet ihr? Stimmt. Und deshalb umso leichter umzusetzen.

„Da haben wir Quatsch gemacht, Mama!“ – So klingt das ungefähr größte Lob aus dem Mund meiner dreijährigen Tochter. Denn „Quatsch“, das ist für sie alles, was nicht erwart- oder planbar ist. Keine Routine. Und somit umso interessanter. Kinder lieben es, (zumindest von Zeit zu Zeit) neue Pfade zu erkunden, vom Gewohnten abzuweichen, Dinge anders umzusetzen als nach Schema F. Und zeigen uns Erwachsenen damit einmal mehr, was wirklich wichtig ist im Leben. Denn wer immer auf Autopilot geht, navigiert sich zwar schnell und sicher durchs Leben. Aber die interessanten Abfahrten, die coolen Schleichwege, das Neue, das Einzigartige, den einen Moment – den umfährt der Autopilot geflissentlich. Und nimmt uns damit die Chance, uns weiterzuentwickeln, uns inspirieren zu lassen, über den Tellerrand zu blicken.

In diesem hörenswerten Interview erzählt Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky, wie schon kleinste Veränderungen im Alltag – etwa absichtlich einen anderen Weg zur Arbeit zu wählen – dazu beitragen, sich für Neues zu öffnen, geistig flexibler zu werden. Eine tolle Idee! Und wo wir gerade beim Thema „neue Wege“ sind: Wie man mit Kindern dem Zufall die Zügel in die Hand gibt, zeigt das Konzept der Penny Walks. Heißt: Ein Münzwurf entscheidet (Kopf oder Zahl?), welcher Straße man an einer Kreuzung folgt. Aufgespürt hat diese wunderbare Idee Okka Rohd von „Slomo“ in ihrer monatlichen Hitliste. Wie Penny Walks funktionieren und warum sie dem Ideal des slow parenting entsprechen, schildert anschaulich Joanna Goddard von „A cup of Jo“. Sooo. Und zu guter Letzt noch der Hinweis auf eines meiner Lieblings-Poems von Robert Frost. Der mit „The Road not Taken“ so wunderbar beschreibt, wie es sich anfühlt, den weniger befahrenen Weg zu nehmen. In diesem Sinne wünsche ich uns: Autopilot aus! Mit Vollgas ins Abenteuer. Habt noch eine gute Woche!

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