Kindliche VorstellungskraftNeulich bei den Großeltern der Krümelkids: Im Arbeitszimmer der Oma sitzt eine Handspielpuppe. Ein schwarzer Rabe mit veritablem Silberblick. Weil die Krümellady großer Rabe-Socke-Fan ist (wie hier schon einmal erwähnt), schnappe ich mir das Tierchen und lasse es mit meiner Tochter sprechen. „Hey, du! Hast du mal ’nen Socken für mich? Ich bin nämlich der Rabe Socke!“ Meine Tochter guckt skeptisch. „Los, lass uns in deinem Zimmer nachsehen“, krächze ich als Rabe und beginne hektisch mit den Flügeln zu flattern. Meine Tochter folgt mir in sicherer Entfernung die Treppe in den ersten Stock hinauf.

Im Gästezimmer angelangt, macht Rabe Socke sich am Koffer meiner Tochter zu schaffen und zerrt ein Paar gepunktete Strümpfe hervor. Die Krümellady guckt noch ein bisschen skeptischer. Rabe Socke streift sich den Strumpf über den gelben Plüsch-Fuß. Meine Tochter verzieht das Gesicht: „Nein, der soll das nicht machen!“, bricht es aus ihr heraus. „Ich will meinen Socken zurück! Und der da soll weggehen.“ Empörter Fingerzeig auf die Handpuppe. „Nein, Rabe Socke“, tadle ich – nun wieder ganz und gar in meiner Rolle als Mama erkennbar: „Die Socken gehören der Krümellady. Du darfst sie nicht einfach wegschnappen.“ Rabe Socke tut wie ihm geheißen und schlurft mit hängenden Flügeln davon. Meine Tochter gewinnt ihre Fassung zurück. Aber immer wenn ihr Blick an diesem Tag auf Rabe Sockendieb fällt, runzelt sie ihre zarten Brauen: „Ich hab’ Angst vor dem Raben. Der soll weggehen.“

Ein Rollenspiel mit Plüschtier. Lustig gemeint. Und für uns Erwachsene klar als erdachter Dialog erkennbar. Für meine dreijährige Tochter hingegen völlig real. Eine kindliche Vorstellungskraft, die ganz im Spiel aufgeht. Die einen sprechenden Raben Socke als Teil ihrer Lebenswirklichkeit wahrnimmt. Ihn sogar als eigenständig handelndes Subjekt akzeptiert. Ihm gute oder – in diesem Fall – schlechte Eigenschaften zuschreibt.

Manchmal vergesse ich, wie mystisch diese Kinderwelt ist. Wie sehr unsere Töchter und Söhne in einer Situation versinken können. So sehr, dass es keine – zumindest keine eindeutige – Grenze gibt zwischen real und erfunden. Wirklichkeit und Spiel. Echten Vorkommnissen und erträumten.

Mehr als ein Drittel aller Kinder unter sieben Jahren leben – zumindest zeitweise – mit einem imaginären Freund. Würde man Puppen oder Stofftiere in die Statistik mit aufnehmen, also Begleiter, zu denen die Kinder eine besonders enge Bindung haben, wären es sogar fast zwei Drittel, weiß dieser Artikel aus der „Baby und Familie“.

Früher begegneten Eltern den Blüten der kindlichen Vorstellungskraft oft mit Skepsis. Wenn ein unsichtbarer Elefant am Tisch saß, ein erfundener Freund die Milch verschüttete oder ein Panther die Schaukel am Spielplatz in Beschlag nahm, hatten Mütter und Väter schlicht Angst, ihre Kinder könnten verrückt werden. Heute geben Experten Entwarnung, denn erfundene Begleiter sind Teil einer völlig normalen Entwicklung: „Besonders häufig haben Kinder mit viel Fantasie solche Freunde. Sie sind oft intelligent, kreativ und sprachlich sehr weit. Studien zeigen, dass sie sich ausgesprochen gut in andere Menschen hineinversetzen können“, zitiert dieser Artikel  Hellgard Rauh, emeritierte Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Potsdam.

Auch mir erschienen Gegenstände als Kind oft seltsam real: In meinem Schlafzimmer bei meiner Großmutter saß ein großer, ausgestopfter Rabe auf dem Schrank. In der Bewegung eingefroren, ziemlich angestaubt, aber für mein kindliches Ich dennoch glaubhaft gruselig. Zumindest so sehr, dass ich vorm Einschlafen immer noch einmal zum Raben rüberlinste. Und mich aus sicherer Entfernung davon überzeugte, dass er weiterhin dasaß, ohne mit der Feder zu zucken. „Es ist nur eine arme Attrappe!“, wusste mein Kopf. „Aber was, wenn nicht …“, dem Bauch blieben leise Zweifel.

Heute hätte ich mein Bauchgefühl manchmal gerne wieder. Diese kindliche Vorstellungskraft, die einen imaginären Begleiter durchaus real erscheinen lässt. Überhaupt, ein unsichtbarer Freund, das wär’s doch! Während ich – Achtung, Klischee! – Cappuccino schlürfend auf der Couch läge, wäre mein Gefährte als Haushaltshelfer im Einsatz. Und dürfte in bester Mainzelmännchen-Manier den Mittagstisch nach einer Essensschlacht mit den Krümelkids aufräumen. Schade, dass ich nicht mehr Fünf bin. Schade, dass meine Vorstellungskraft so begrenzt ist. Nur meine Kinder, die würden sicher testen, was so ein unsichtbares Mainzelmännchen leisten kann.

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