Das erste Mal Joggen nach der GeburtAm Wochenende habe ich sie befreit. Aus monatelangem Kellerdasein. Meine geliebten weiß-goldenen Joggingschuhe. Die sich schon beim Reinschlüpfen anfühlen wie echte Hauslatschen. Vermutlich weil sie auch ein klitzekleines bisschen ausgelatscht sind. Nach gut vier Jahren gemeinsamen Trainings: Egal! Jetzt sind meine Laufbegleiter endlich wieder da, wo sie hingehören: an meinen Füßen. Das erste Mal Joggen nach der Geburt des Krümellords. Warum ich es genossen habe.

Meine Joggingschuhe und ich sind schon seit meiner Jugend ein winning team. Dieses Loslassen. Den Kopf freikriegen. Die Gedanken schweifen lassen. Hierhin und dorthin und wieder zurück. Atmen. Atmen. Einfach nur atmen. An nichts denken. Oder viel denken. Mal nichts tun müssen als: Denken und Atmen. Dieses Erlebnis habe ich nur beim Joggen. Und zwar am besten in der freien Natur. Auf dem Laufband im Fitnessstudio geht auch. Empfinde ich aber nicht als so mind freeing wie unter freiem Himmel. Denn mal ehrlich: Wenn ihr euch gerade die ganz großen Gedanken macht. Übers Leben. Was wichtig ist. Und überhaupt. Dann geht das am besten mit Berg- und Seeblick am Horizont. Nicht mit nem schnaufenden Muskelmann auf dem Laufband neben euch. Der am besten noch alle zwei Minuten die Bandeinstellungen optimiert: steiler, schneller, schlimmeres Schnaufen …

Alltagsflucht mit alltäglichen Mitteln.

Kurzum: Laufen ist meine Meditation. Meine kleine Flucht aus dem Alltag mit alltäglichen Mitteln. Warum ich gute 15 Monate gebraucht habe, um wieder in die Laufschuhe zu steigen? Ich weiß es nicht. Oder doch? Nach der Geburt meiner Tochter stand ich schon nach vier, fünf Monaten wieder in den Joggingschuhen. Und hatte nach jedem Lauf das deutliche Gefühl: Hier passt was (noch) nicht. Was beim Sport – speziell auch beim Joggen – rund um Schwangerschaft und Geburt zu beachten ist, hat übrigens diese informative Seite der Deutschen Sporthochschule Köln zusammengefasst. Jetzt also ein neuer Versuch. Das erste Mal Joggen nach der Geburt des Krümellords. Mit ungleich vieeeeel mehr Wartezeit. Aber auch zusätzlichen orthopädischen Herausforderungen. Ich sage nur Großzehe … Dennoch: Es läuft wieder mit mir und dem Laufen. Und das fühlt sich ziemlich gut an!

Team spirit der Beine macht.

Schließlich haben die Joggingschuhe und ich eine verdammt lang Wegstrecke gemeinsam zurückgelegt: Schon als Austauschschülerin in Kanada war ich Mitglied im cross country team. Wobei cross country tatsächlich hieß: querfeldein. Durch Waldstücke, Wiesen, über asphaltierte Straßen und off-road. Bergauf und talabwärts sind wir gelaufen. Jeden zweiten Tag nach der Schule war Training. Und zwar egal wie das Wetter war, ob man schlecht geschlafen hatte oder einfach einen pubertären Durchhänger pflegte. Gemeinsam mit meinem Team bin ich zu sogenannten meets gereist, sportlichen Wettkämpfen mit anderen Schulen. Dabei habe ich zum ersten Mal kennengelernt, was das Wort team spirit wirklich bedeutet: Wenn du bei strömendem Regen im gelben Mannschaftsbus zum Wettkampf fährst und trotzdem Lust hast, an den Start zu gehen. Wenn du diesen fiesen steilen Hügel im letzten Drittel deines Laufs nur deshalb besonders schnell schaffst, weil deine Mannschaftsbuddies am Anstieg stehen und dich anfeuern. Weil dich nichts so sehr freut wie das Lob deiner Teamkollegen und ein „Good job!“ auch nach einem verpatzten Lauf einfach gut tut. Brampton Centenniel Secondary School runners – you rock!

High Noon in Texas – na ja, fast.

Selbst in meinem Auslandsstudienjahr in Austin, Texas, habe ich dem Laufen die Treue gehalten. Bin bei morgendlichen Tiefst(!)temperaturen von 25 Grad Celsius aufgestanden und mit einem der orangenen Stadtbusse zum Colorado River gefahren, der grünen Lunge der texanischen Hauptstadt. Wenn die anderen runners und ich nach einem guten Stündchen unser Pensum fertig hatten, war es auch meist schon zu heiß zum Weiterlaufen. Schließlich klettert das Thermometer in der texanischen Mittagshitze gut und gerne mal auf 40 Grad. Da bewegt sich der Durchschnitts-Texaner eigentlich nur noch in klimatisierten Autos durch die Stadt. Ich sehe noch die erstaunten Gesichter unserer amerikanischen Mitstudenten vor mir als meine deutsche Mitbewohnerin und ich an einem ausgesprochen heißen Nachmittag zu einer Wohnungsbesichtigung gelaufen, also eher fußläufig geschlichen waren. „You walked there, really?“, wollten unsere fellow students wissen. „But it’s a whole block!“ Yep, einen ganzen Häuserblock hatten wir funny Germans zu Fuß passiert.

Das erste Mal Joggen nach der Geburt.

Trotz team spirit, training und Texas connection: Im Grunde meines Herzens bin ich ein Einzelläufer. Ja, ich mag es, mich zu unterhalten. Ja, ich kann sprechen während des Laufens. Auch ohne Seitenstiche zu bekommen. Aber ich muss es nicht. Denn in Wahrheit laufe ich am liebsten alleine. Nach der Geburt meiner Kinder noch mehr als früher. Denn Alleinsein ist derzeit der größte Luxus, den ich mir vorstellen kann. Außer meinen Schuhen, bequemen und warmen – ich bin grundsätzlich verfroren! – Laufklamotten brauche ich eigentlich nur ein weiteres Accessoire: mein iPhone. Und nein, ich habe keine runtastic-App, um meine Performance zu messen. Sooo weit bin ich nun auch wieder nicht 😉

Ich möchte schlicht Musik hören beim Laufen. Denn auch wenn die Natur um mich rum dazu einlädt, innenzuhalten und hinzuhören. Ein bisschen Motivation und Ansporn braucht der allein laufende Mensch. Und sei es nur durch einen guten Beat, einen witzigen Text oder einen Lieblingssong, der mich voran treibt. Wie hier schon einmal angemerkt, starte ich am liebsten mit „Get Sexy“ von den Sugarbabes durch. Auf 8tracks gibt es übrigens einige gute jogging playlists, etwa diese hier. Zum mobilen Hören braucht ihr die entsprechende App für euer Smartphone.

Sommerzeit ist Joggingzeit.

Ich selbst benötige jetzt nur noch Zeit. Denn ein gutes Stündchen nehmen die etwa 7,5 Kilometer rund um den Schliersee derzeit schon (noch) in Anspruch. Moment mal, habe ich „nur noch Zeit“ gesagt? Ähm, ich korrigiere mich: Ich brauche jetzt überhaupt mal Zeit, um das mit dem Joggen regelmäßig zu wiederholen. Das erste Mal Joggen nach der Geburt bleibt sonst schnell auch das einzige. Aber im Sommer sind die Tage naturgemäß länger hell. Und sollte ich nicht längst mit einem Wäscheberg und der Fernbedienung auf der Couch versackt sein, wenn der Krümelmann nach Hause kommt, könnte ich doch glatt demnächst in bester Britney-Spears-Manier hier verkünden: „Oops! I did it again.“

Aber mal im Ernst: Wie macht ihr das mit dem Joggen und kleinen Kindern?

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