ElternsorgenZu groß? Oder zu klein? Zu vorlaut? Oder zu schüchtern? Zu ungeduldig? Oder zu phlegmatisch? – Als Mama mache ich mir oft Sorgen, ob es den Krümelkids gut geht. Ob sie mehr essen müssen oder gesünder. Ob sie sich mehr trauen sollten. Oder das Quäntchen zu viel Mut haben, das zu Übermut führt. In einem überschaubaren Ausmaß gehören typische Elternsorgen zum Alltag dazu. Genau wie die Fettfinger des Krümellords an meiner frisch geputzten Glastür.

Denn ganz ehrlich: Wofür hat uns die Natur schließlich mit all diesen tollen Eltern-Hormonen ausgestattet, die immer dann einschießen, wenn unser Zweijähriges zum ersten Mal allein die große Wackelbrücke auf dem Spielplatz überqueren will. Aber darüber hinaus: Machen wir uns zu viele Elternsorgen? Und mit diesem Begriff meine ich nicht die wirklich wichtigen Sorgen. Gesundheitliche Probleme oder ernsthafte Einschränkungen, die wahrgenommen und behandelt werden müssen. Sondern ich spreche von den „ein-bisschen-Sorgen“. Ein bisschen zu still. Ein bisschen zu laut. Ein bisschen zu draufgängerisch. Ein bisschen zu ängstlich. Denken wir zu oft in Schwächen? Betrachten wir zu oft das, was vermeintlich nicht so ist, wie es sein sollte, oder gesellschaftlich erwartet wird. Anstatt uns auf all die anderen Eigenschaften und Fähigkeiten unserer Kinder zu konzentrieren, mit denen sie glänzen können.

Warum die Normkurve unseren Kindern nicht gerecht wird.

Schon im Mutterleib werden Mädchen und Jungen genauestens vermessen und kontrolliert. Ihre Längen, Breiten, Umfänge entlang von Normkurven eingetragen. Nicht falsch verstehen: Ich möchte keinesfalls die Vorsorgeuntersuchungen beim Frauenarzt in Frage stellen. Nach allem, was ich weiß, sind sie gut und wichtig. Aber was macht es mit uns, dass wir unsere Kinder entsprechend ihrer Position zur Normkurve betrachten (und vielleicht auch beurteilen)? Und zwar, bevor wir sie überhaupt jemals zu Gesicht bekommen haben. Lernen wir hier schon in Kategorien wie „normal“ und „abweichend“ zu denken? Wird der Blick auf unsere Kinder hier schon vom Wesentlichen abgelenkt: ihren individuellen Anlagen und Persönlichkeitsmerkmalen, die so komplex sind, dass keine Normkurve der Welt ihnen je gerecht werden könnte?

Plappermaul oder Schweiger: Ein Anlass für Elternsorgen findet sich immer.

Das verrückte ist ja, dass wir uns über gegensätzliche Ausprägungen des selben Merkmals den Kopf zerbrechen können. Sprich: Willensstark oder nachgiebig? Angepasst oder rebellisch? Laut oder leise? Groß oder klein? Egal – wir machen uns in jedem Fall Elternsorgen! Ist das Kind sehr durchsetzungsfähig und unterstreicht seine Wünsche gerne mal mit einem ausgeprägten Tobsuchtsanfall, fragen wir uns, ob es jemals mit Autoritäten zurecht kommen wird. Ist es zu nachgiebig und wehrt sich nicht, wenn andere ihm das Spielzeug wegschnappen? – Oh jeee, das Kind kann sich nicht durchsetzen und wird es einmal schwer haben, im Leben vorwärts zu kommen! Haben wir ein kleines Plappermaul, sind wir genervt und versuchen seinen Redefluss in vermeintlich „normale“ Bahnen zu lenken. Geht ein Schweiger mit uns durch Leben, wollen wir das Kind animieren, den Mund aufzumachen, mehr zu kommunizieren, was es wirklich bewegt.

Selbst mit Blick auf körperliche Merkmale und Fähigkeiten sind wir Eltern kaum zufrieden zu stellen: Zu klein? Zu groß? Zu zierlich? Zu stark? Jede Entwicklung, jede kleine Abweichung von einer tatsächlichen oder empfundenen Norm bereitet uns Kopfzerbrechen. Hat ein Baby einen hohen Muskeltonus, ist es „verspannt“. Hat es eine geringere Körperspannung, gilt seine Haltung als „schlaff“. In meinen fast vier Jahren als Mama habe ich schon häufig gehört, dass Eltern sagten, ihre Kinder hätten erst „sehr spät“ Laufen gelernt. Auf der anderen Seite ist eine Familie im erweiterten Bekanntenkreis, die sich den Kopf darüber zerbricht, dass ihr Kleines schon mit neun Monaten laufen konnte – und entsprechend viele Stürze wegstecken musste.

Die Sorgenspirale aus dem Alltag verbannen.

Zu früh? Oder zu spät? Vorreiter? Oder Nachzügler? Ja, was denn nun? Gibt es denn nie ein „genau richtig“? Doch! Denn grundsätzlich würde jeder von uns Eltern sofort unterschreiben, dass sein Kind perfekt ist, wie es ist. Mit allen Stärken und Schwächen, allen Entwicklungsschritten, die es früher oder später macht als andere. Nur mittendrin, im Alltag, können wir uns oft nicht von Elternsorgen frei machen. Gelingt es uns nicht, die Sorgenspirale anzuhalten. Das zu feiern, was schon toll läuft, anstatt uns auf das zu fokussieren, was noch nicht so gut klappt.

Wie uns Schwächen stark machen.

Was hilft, ist der Gedanke, dass vermeintliche Schwächen oft ungeahnte Stärken freisetzen. Vielleicht ist das klein und schmächtig Sein in Wirklichkeit ein Vorteil. Weil das Kind schon früh lernen muss, sich anders zu behaupten als durch körperliche Dominanz. Vielleicht es für das vermeintlich starke Kind am wichtigsten, zu erkennen, dass es auch einmal schwach sein darf. Es ist toll, wenn wir genau hinschauen, was unserer Kinder bewegt und ausmacht. Und es ist fantastisch, wenn es uns gelingt, beim Beobachten den Fokus auf das zu legen, was schon alles da ist, nicht auf das, was vielleicht noch fehlt. Denn mal ehrlich: Wollen wir selbst nicht genau so von unserer Umwelt betrachtet werden? Mit dem liebenden Blick von Eltern, die vor allem das Starke und Schöne sehen. Und in allen weniger perfekten Eigenschaften ein riesengroßes Entwicklungspotenzial erkennen. In diesem Sinne: Goodbye, Elternsorgen!

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