Freizeitstress bei Kindern Was seht ihr auf diesem Titelfoto? Naaa? Genau – nix! Zumindest keinen Eintrag in meinem Terminkalender. Zu Wochenbeginn kündigte sich eine reichlich entspannte Zeit an. Kaum feste Termine, wenige geplante Verabredungen am Nachmittag. „Schade …“, sagt ihr? „Super!“, sage ich. Denn den Krümelkids und mir tut es unglaublich gut, montags mit einer leeren Agenda zu starten. Freizeitstress bei meinen Kindern? Keine Spur! Analog zum Inbox Zero-Prinzip, freuen wir uns über die Verheißungen eines Calendar Zero.

Lasst mich kurz ausholen: Vielleicht erinnert ihr euch? In den Nullerjahren, um 2008 herum, erfand Produktivitäts-Guru Merlin Mann das Inbox Zero-Prinzip. Anders als die Phrase vielleicht vermuten lässt, ging es dabei nicht darum, den eigenen E-Mail-Posteingang vollkommen leer zu halten – was im übrigen Don Quijotes berühmtem Kampf gegen Windmühlenflügel gleich käme … Vielmehr handelte es sich um eine Arbeitsroutine, mit der wir unsere tägliche E-Mail-Flut so organisieren, dass sie a) möglichst wenig unserer Zeit auffrisst und b) möglichst wenige unserer geistigen Kapazitäten bindet. Ein schöne Zusammenfassung der wichtigsten Inbox Zero-Empfehlungen findet ihr zu Beispiel hier. Vereinfach gesagt: Nur wenn wir nicht ständig in Gedanken bei unserer überquellenden Inbox festhängen, wir lästigen, aber notwenigen E-Mail-Verkehr aufs nötigste beschränken und klar priorisieren, bleiben uns auch ausreichend Zeit und Energie für die wirklich wichtigen Aufgaben und Arbeitsaufträge.

Auch (Frei-)Zeit ist eine begrenzte Ressource.

Überträgt man das Prinzip Inbox Zero von der beruflichen auf die private Lebenswelt, von der Arbeit auf die Freizeit, ergeben sich ungeahnte Parallelen: Calendar Zero, damit meine ich NICHT, dass man nix vor hat, keine Freundschaften mehr pflegt und Kinderkurse meidet wie mein Einjähriger den Waschlappen. NEIN! Ich meine damit vielmehr, dass man Zeit als begrenzte Ressource betrachtet: Und sich – auch in seiner Freizeit – immer wieder die Frage stellt: Was ist mir heute wirklich wichtig?

Draußen läuft die Sonne (endlich!) zu Höchstform auf? Dann wäre es schade um den Nachmittag am See, wenn die Kinder und ich zum Turnen in die Sporthalle müssten. Ist mein Kleiner quengelig und anhänglich, weil sich (mal wieder) ein neuer Beißer durchs Zahnfleisch bohrt? Dann möchte ich ihn am liebsten in Ruhe zu Hause bespaßen statt mit zehn quirligen Krabbelgruppenkids Salzteig zu matschen. Den Moment genießen. Intuitiv entscheiden, was heute gut tut. Statt schon wieder zum Babyschwimmen, PEKiP oder meditativen Kleinkindtanz zu hetzen. Freizeitstress bei meinen Kindern? Bitte nicht!

Ich weiß, so spontan kann man vermutlich nur mit Kleinkindern handeln. Ab der Schule ist Schluss mit dem lustigen in den Tag hinein leben. Sagen zumindest meine Schwägerinnen. Und die müssen es wissen. Ganz zu schweigen davon, dass kein Kursleiter es gerne sieht, wenn seine Teilnehmer permanent fehlen oder so verlässlich erscheinen wie das Sandmännchen auf der Bettkante meiner Kinder – nämlich völlig unvorhersehbar.

Institutionalisierte Freizeit ist nicht freie Zeit.

Nur wenn die Krümelkids und ich genug Leerlauf haben, genug Zeit, um einfach mal gar nichts zu tun, wenn wir komische Sachen aus Papier falten, die nicht schön aussehen und aufgehängt werden müssen, wenn wir zum zehnten Mal die Duplo-Eisbecher aufbauen und wieder einreißen, wenn wir vergessen, auf die Uhr zu schauen, weil’s auf dem Spielplatz gerade so angenehm in der Frühlingssonne ist … Dann, ja nur dann entsteht echte Freizeit. Also freie Zeit, die diesen Namen verdient. Keine institutionalisierte Freizeit, die in Kursen, Clubs oder als Hobby stattfindet.

Die Google-Suche nach „Kinder Freizeitstress“ ergibt mehr als 21.000 Treffer. Als „verwandte Suchanfragen“ werden unter anderem angezeigt: „Überforderung bei Kindern Symptome“ oder „Stress bei Kindern im Kindergarten“. Die im vergangenen Jahr von einem großen Pharmakonzern veröffentlichte Stress-Studie „Burn-Out im Kinderzimmer“ belegt: In Deutschland leidet zirka jedes sechste Kind unter „deutlich hohem Stress“. Bei allen anderen diagnostizierten die Forscher ebenfalls Stress-Symptomatiken, wenn auch in weniger ausgeprägter Form („niedriges bis moderates Stress-Level“).

Mit Terminstress angeben ist wie Autoquartett spielen…

Und tatsächlich kommt es mir manchmal so vor, als sei es „in“ zu viel zu tun zu haben. Als sei der volle Terminkalender eine Art Statussymbol: Schaut her, ich bin/wir als Familie sind besonders gefragt! Freizeitstress bei meinen Kindern? Yes, please! Im Büro gehört das demonstrative gestresst sein schon seit Jahren zum guten Ton. Ein bisschen ist es wie Autoquartett spielen: „Ich habe heute fünf Telkos, drei Meetings, eine Videokonferenz und zum Abendessen treffe ich einen potenziellen Kunden. Wer bietet mehr?“ Aber auch im Privaten ist das Trendthema „Stress“ längst salonfähig: „Wir gehen gleich zum Reitunterricht, später sind wir mit Charlotte zum Salat pflanzen verabredet und heute Abend lassen wir den Tag mit Eltern-Kind-Yoga ausklingen.“ Und ihr so?

Schon seit Jahren trifft die Frage nach der Balance zwischen Anspannung und Erholung zwischen Impulse aufnehmen und sie verarbeiten einen gesellschaftlichen Nerv. Denn selbstverständlich möchte ich als Mama meine Kinder fördern, aber nicht überfordern. Möchte ihnen beibringen, wie Gemeinschaft jenseits von Kindergarten und KiTa funktioniert. Wie viel Spaß es macht, Gleichgesinnte zu treffen, die deine Leidenschaft teilen – zum Beispiel fürs Tanzen. Ich möchte ihnen zeigen, wie man Freundschaften pflegt, aber auch dem eigenen Bedürfnis nach Ruhe gerecht wird. Das ist oftmals – ihr ahnt es schon – ein Spagat.

Der Freizeit einen Platz im Terminkalender reservieren.

Da Zeit- und Stressempfinden so individuell sind wie wir Menschen, gibt es auch keine eindeutige Antwort auf die Frage nach dem optimalen Freizeitprogramm. Was für den einen purer Stress ist, gilt dem anderen als Entspannung. Wenn sich der eine im Hamsterrad fühlt, lebt der andere erst so richtig auf. Wichtig ist nur eins: Das wir auf unsere Söhne und Töchter, die kleinen und großen Geschwister, Freundinnen und Freunde und – nicht zuletzt – auf uns selbst hören. Denn der Maßstab für unsere Freizeitgestaltung ist nicht das, was wir denken, tun zu müssen – weil es gesellschaftlich erwartet wird, im Trend liegt oder weil es eben alle so machen. Nein, Freizeit ist dann, wenn wir uns gut fühlen bei dem, was wir tun. Wenn ich sehe, wie sehr sich die Krümellady auf den Turnunterricht freut. Wenn ich den Krümellord nach zwei Stunden Krabbelgruppe völlig fertig, aber irre zufrieden in seinen Autositz packe.

Calendar Zero ist kein Zustand, den man erreichen kann. Und auch kein anzustrebendes Ideal. Denn natürlich bleibt unser Terminkalender niemals so jungfräulich weiß je länger die Woche voranschreitet. Für mich ist der Begriff Calendar Zero vielmehr ein verlässlicher Orientierungspunkt im Freizeitgestaltungs-Dickicht. Eine Mahnung, auch mal „nein“ zu sagen zu lästigen Verpflichtungen, Routine-Terminen oder Verabredungen, die uns Energie rauben statt unsere Akkus aufzuladen. Calendar Zero ist das Versprechen, dass Entspannung möglich ist. Wir müssen ihr nur einen Platz im Terminplaner freihalten.

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