Pünktlich zum KindergartenKinder sind ja Weltmeister im Vermeidungs- und Umgehungsstrategien entwickeln. Das ist einerseits toll, weil sie sich auf diese Weise enorm flexibel ihrer Umwelt und sich verändernden Bedingungen anpassen. Eine Fähigkeit, die heute auch von uns Erwachsenen immer stärker eingefordert wird. Andererseits sind es oft unsere (Eltern-)Wünsche, die sie versuchen, zu meiden oder zu umgehen. Und das ist dann … na ja, weniger toll. Aber lest selbst: Wie die Krümelkids reagieren, wenn ich pünktlich zum Kindergarten gelangen möchte …

  1. Kündige mit lauter und überzeugter Stimme an, dass ihr in fünf Minuten zum Kindergarten aufbrecht.
  2. Frage das unbeirrt nasebohrende und aus einer Zeitschrift ausschneidende Kind 1*, ob es dich gehört hat.
  3. Zeitschrift! Welche Zeitschrift? Okay, Kind 1 hat dein geliebtes ZEIT-Magazin zu Konfetti verarbeitet. Natürlich bevor du die Chance hattest, es zu lesen.
  4. Sauge das Konfetti auf ehe Kind 2 die Gelegenheit nutzt, die Milliarden von Papierschnipseln a) zu essen und b) krabbelnderweise im ganzen Haus zu verteilen.
  5. So, jetzt müssen wir aber wirklich los!

  6. Bitte Kind 1, noch einmal zur Toilette zu gehen.
  7. Erkläre Kind 1 in ruhigem Ton, warum es nach drei Kaltgetränken und zwei Stunden Wartezeit sinnvoll sein könnte, aufs Klo zu gehen.
  8. Wiederhole das Gesagtem in energischem Ton.
  9. Setze das strampelnde Kind 1 auf den Toilettensitz.
  10. Schnappe dir Kind 2, das gerade dabei ist, auf die Klobürste gestützt den Badezimmerboden zu „putzen“.
  11. Halte Kind 2 unter deinen linken Arm geklemmt und schließe mit der freien rechten Hand den Hosenknopf von Kind 1.
  12. Bitte Schuhe anziehen! Wir wollen doch pünktlich zum Kindergarten sein.
  13. Erkläre Kind 1, warum jetzt keine Zeit mehr ist, den Joghurt zu Ende zu essen, der seit gut einer Stunde fast unberührt auf seinem Platz steht.
  14. Entdecke, dass Kind 1 ein merkwürdiges Muster auf seinem T-Shirt trägt.

  15. Oh, bei näherem Hinsehen entpuppt sich das Muster als Joghurtkleckse.
  16. Hilf Kind 1, ein frisches T-Shirt auszusuchen.
  17. Nein, das kurzärmelige Schmetterlings-T-Shirt ist für eisiges Winterwetter im Frühling nicht geeignet.
  18. Assistiere Kind 1 beim Überziehen des ungeliebten Langarm-T-Shirts.
  19. Höre SOFORT auf, zu assistieren. Denn Kind 1 kann das Anziehen natürlich ALLEINE.
  20. So, jetzt haben wir’s! Also schnell in die Schuhe schlüpfen.
  21. Gehe zur Garderobe.
  22. Ziehe deine Schuhe an.
  23. Rufe nach Kind 1.
  24. Schlüpfe in deine Jacke.
  25. Rufe erneut nach Kind 1.
  26. Suche deine Schlüssel zusammen und hänge deine Handtasche um.
  27. Rufe sehr laut und deutlich nach Kind 1.
  28. Ziehe Kind 2 die Schuhe an.
  29. Okay Kind 1, dann gehen wir ohne dich zum Kindergarten!

  30. Hilf Kind 2, seine Jacke anzuziehen.
  31. Kind 1, wenn wir zu spät kommen, ist die Kindergartentüre geschlossen. Dann kannst du heute nicht mit deinen Freunden spielen!
  32. Setze Kind 2 die Mütze auf.
  33. Wiederhole Schritt 32 zirka drei bis vier Mal. In jedem Fall so lange bis Kind 2 seine Kopfbedeckung auflässt. Oder du die Nerven verlierst und Kind 2 mit Kaputze aus dem Haus geht.
  34. Sprich beruhigend mit Kind 1, das eine Barbie mit Reiterhelm und Glitzerfummel in den Kindergarten mitnehmen will.
  35. Aber, Kind 1, du weißt doch, dass ihr kein Spielzeug von zu Hause mitbringen dürft.
  36. Ach, heute ist Mitbringtag?! Gut zu wissen!
  37. Barbie darf mit.
  38. Oder? Entdecke, dass Barbies schulterfreies Kleid ein ungewöhnlich großes Plastik-Dekolleté mehr freilegt als verhüllt.
  39. Denke darüber nach, ob Zeit ist, Barbie in ein hochgeschlossenes, jugendfreies Oberteil umzukleiden.
  40. Entscheide nach einem Blick auf die Uhr, dass Barbie auch in ihrer tief-dekolletierten Form im Kindergarten willkommen ist.
  41. Helfe Kind 1, in die Klettverschlussschuhe zu schlüpfen.
  42. Schließe die Klettverschlüsse.
  43. Schließe die Klettverschlüsse erneut. Du hast sie nicht fest genug angezogen.
  44. Wiederhole Schritt 43 noch zwei bis zweiundzwanzig Mal. Jedenfalls so lange bis Kind 1 zufrieden ist. Oder du die Nerven verlierst und Kind 1 mit offenen Schuhen in den Kindergarten geht.
  45. Helfe Kind 1, die Jacke überzustreifen.
  46. Versuche, Kind 1 einen Schal und eine dazu passende Mütze anzuziehen.
  47. Nein, Mama, nicht diese Mütze. Die ist für Babys!
  48. Nein, dieser Schal kratzt. Ich möchte ein Halstuch haben!

  49. Durchkämme die Schubladen von Kind 1 auf der Suche nach dem richtigen Halstuch.
  50. Nein, Kind 2, diese Tücher sind nicht zum Spielen da!
  51. Alle angezogen, jetzt aber schnell aus dem Haus!
  52. Halt, der Kindergartenrucksack fehlt!
  53. Halt, die Barbie fehlt!
  54. Schnalle Kind 1 und Kind 2 in ihre Autositze.
  55. Passiere den Kindergarten und entdecke, das alle fünf (!) Parkplätze vor der Türe belegt sind.
  56. Stelle fest, dass auch die inoffiziellen Seitenrandparkplätze in unmittelbarer Nähe des Kindergartens belegt sind.
  57. Parke am Ende der Straße und hilf Kind 1, auszusteigen.
  58. Klemme dir Kind 2 unter den linken Arm. Nimm Kindergartentasche und Barbie in die rechte Hand, da Kind 1 unterwegs „Armschmerzen“ bekommen hat und nichts mehr tragen kann.
  59. Erreiche die Kindergartentüre in dem Moment, als die Erzieherin sie für den heutigen Morgen schließen möchte.
  60. Zwänge Kind 1, Kind 2 und dich selbst in letzter Minute durch den Türspalt. Geschafft! Ihr seid pünktlich zum Kindergarten gelangt!
  61. Helfe Kind 1, den Anorak auszuziehen.
  62. Laufe ins Foyer, wo Kind 2 gerade dabei ist, die Tannenzapfen aus der Wald-Deko zu klauen.
  63. Helfe Kind 1, Schuhe, Schal und Mütze auszuziehen.
  64. Laufe ins Foyer, wo Kind 2 gerade dabei ist, den großen Turm aus Glitzerbausteinen zu Fall zu bringen.
  65. Befestige die Haarspange von Kind 1 wieder RICHTIG im Haar.
  66. Übergib Kind 1 seine dekolletierte Barbie mit Reiterhelm.
  67. Mit Reiterhelm?!
  68. Wo ist Barbies Reiterhelm?
  69. Beruhige das aufgelöste Kind 1 und bitte es, kurz auf dich zu warten.

  70. Klemme dir Kind 2 unter den linken Arm.
  71. Renne aufmerksam den Weg zum Auto zurück.
  72. Im Garten? Nichts! Auf der Straße? Nichts! Rund ums Auto? Nichts!
  73. Schleiche resigniert in den Kindergarten zurück. Weil die Eingangstüre inzwischen geschlossen wurde, musst du klingeln.
  74. Nimm dein freudestrahlendes Kind 1 in Empfang und lasse dir erklären, dass der Hausmeister den Barbie-Reiterhelm natürlich längst im Garten aufgelesen hatte.
  75. Nimm Kind 1 in die Arme und verabschiede dich rasch, denn Kind 2 ist zwischenzeitlich wieder in Richtung Foyer entwischt.
  76. Laufe ins Foyer, wo Kind 2 gerade dabei ist, die Decken und Kissen IM Spielhaus aus dem Häuschen HERAUS zu zerren.
  77. Beseitige das Chaos im Foyer und ziehe leise die Kindergartentüre hinter dir zu.
  78. Lasse dich mit letzter Kraft auf die Bank im Garten fallen und nimm eine stabilisierende Yoga-Pose ein.
  79. Huch, fast wärst du eingeschlafen und von der Bank gepurzelt!
  80. Und behalte um Gottes Willen Kind 2 im Auge, das gerade begonnen hat, den Inhalt des Sandkastens in seinen Mund zu stopfen.

Und ihr so: Geht’s bei euch morgens auch so turbulent zu bis die Krümelkids pünktlich zum Kindergarten oder zur Schule gebracht sind?

PS: Zu diesem Post inspiriert hat mich Stevie vom Lifestyle-Blog Big Awsome Mess, die jüngst die unsagbar lustige Anleitung Take Your Kid to the Store in 65 Easy Steps geschrieben hat. Ein absolutes Must-Read!

PPS: Alle hier beschriebenen Situationen sind natürlich völlig frei erfunden und stehen in keinem Zusammenhang zu real existierenden Personen … 😉

* Der Einfachheit und besseren Lesbarkeit halber nenne ich Krümellady und Krümellord in diesem Text Kind 1 (die Lady) und Kind 2 (der Lord).

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