BücherliebeIch muss zugeben: Ich bin ein bisschen auf Entzug. Auf Bücherentzug, um genau zu sein. Denn so schnell wie ich spannende Buchtitel für mich entdecke, kann ich derzeit gar nicht lesen. Mir fehlt schlichtweg die Zeit. Und wenn ich sie mir nehmen möchte, kommt mit Garantie etwas dazwischen. So wie am Sonntagabend, als ich endlich mal wieder um 21.00 Uhr ins Bett stieg, voller Vorfreude, gleich einen der verheißungsvollen, neuen Titel auf meinem Nachttisch in der Hand zu halten. Denkste! Um 21.30 Uhr kam der Krümelmann heim und hatte Redebedarf. Um 22.00 Uhr meldete sich der Krümellord. Und dann war mindestens drei Stunden an Lesen geschweige denn Schlafen nicht mehr zu denken. Denn den Lord hat die fiese Hand-Mund-Fuß-Krankheit erwischt, die mit irre schmerzhaften Bläschen im Mund einhergeht und ihm und uns den Schlaf raubt. Umso mehr freue ich mich, wenn ich zwar nicht selbst- aber immerhin doch vorlesen kann. Und meine Bücherliebe so an die Krümelkids vererbe.

Meine Leidenschaft für Bücher hat ihre Wurzeln definitiv in meiner Kindheit. Ich weiß noch, dass ich jede Woche tonnenweise Lesestoff aus der Bücherei heimtransportierte – in meinem Radkorb. Ich glaube, ich habe sämtliche „Asterix-und-Obelix“-Comics gelesen, und fast alle „Lucky-Luke“-Titel. Aber natürlich auch absolute Kinderbuchklassiker wie „Pünktchen und Anton“, „Pippi in Taka-Tuka-Land“, Enid Blytons „Fünf Freunde“ sowie „Hanni und Nanni“ und natürlich die großartige Christine Nöstlinger mit ihrer „Gretchen-Sackmeier“-Reihe. An einen Sommerurlaub mit Bücher(über)gepäck erinnere ich mich besonders gut: Ich war 13, das Jahr zuvor mit meiner besten Freundin auf Sprachurlaub nahe London gewesen und überhaupt nicht erpicht darauf, die Sommerferien mit meiner Familie an der Ostsee zu verbringen. Ich weiß noch, dass ich meine lila Dr. Martens-Stiefel auch bei hochsommerlichen Temperaturen nicht abgelegt habe und für jeden einzelnen Tag ein Buch eingepackt hatte. Stralsund? Rügener Kreidefelsen? Hiddensee? Mir doch egal, meine Bücher sind spannender … Tja, Lesen kann auch eine Form von Protest sein.

Auf in die Bibliothek! Ein Bücherwurm in seinem Element.

Aber zurück zur eingangs erwähnten Bücherei: eine der besten Erfindungen überhaupt! Denn meine Eltern hätten wohl kaum den Platz oder das Geld gehabt, um meinen Bücherverschleiß zu finanzieren. Die Radfahrt zur Bücherei war ein fester Termin in meinem Wochenplan. Genau genommen hatte ich sogar zwei Büchereien zur Auswahl. So eine große, städtische, durchorganisierte. Und eine kleine, dunkle, kirchliche im Souterrain des Gemeindehauses. Letztere mochte ich fast noch ein bisschen lieber, vor allem die Atmosphäre dort: ruhig, konzentriert, dem Alltag entrückt. Ich verbrachte dort viel Zeit; Buchrücken betrachten, Titel entziffern, Autoren erkennen oder kennenlernen. Ein Buch aus dem Regal nehmen und aufschlagen. Den Anfang oder Schluss lesen. Oder auch mittendrin. Ich mochte den ganzen Prozess, ein Buch auszuwählen. Sich inspirieren zu lassen, von den auf Papier verborgenen Geschichten. Bücherliebe at its best.

Mit den Krümelkindern war ich neulich in unserer Bibliothek vor Ort. Auch eine klitzekleine, kirchliche Einrichtung. Eine Bücherei, in der die Titel noch nicht mit Barcode und Scanner erfasst werden. Nein, ehrenamtlich Mitarbeiterinnen tragen die Büchernummern in akkurater Schrift auf der Karteikarte des Mitglieds ein. Anschließend stempeln sie das Rückgabedatum auf einen kleinen Zettel auf der Buchinnenseite. Apropos Rückgabe: Die Bibliotheks-Öffnungszeiten in unserer kleinen Gemeinde machen es einem gewöhnlichen Berufstätigen unmöglich, jemals pünktlich dort zu erscheinen. Außer vielleicht sonntags in den 90 Minuten nach Messeschluss. Abgesehen davon bin ich aber froh und glücklich, dass wir eine Bücherei hier in der Gemeinde haben. Einen Ort zum Verweilen und Auswählen. Einen Ort, um zur Ruhe zu kommen. Wo es nichts zu tun gibt, als Regalreihen voller Bücher abzuschreiten. Und seinen Impulsen folgend zuzugreifen.

Bücherliebe – kann man das kaufen?!

Die Krümellady hat natürlich noch nicht die Muße und Ruhe, gelassen auszuwählen. Sie rennt zu den niedrigen Kästen mit Bilderbüchern und zieht mit ungeduldigen Fingern an bunten Buchrücken. Ein Schwein auf dem Titel? (Wirklich niedlich: „Feodora hat was vor“) Ab auf den Ausleihtresen! Mama Muh und ihre freche Freundin Krähe machen Frühjahrsputz? Bitte einmal abstempeln! Kuh Lieselotte geht auf Urlaubsreise? Geliehen! Verwirrt hat mich nur die Reaktion der Mitarbeiterin, die der Krümellady und ihrer Freundin ob ihrer Bücherbegeisterung gleich ein Päckchen Gummibärchen mit auf den Weg gab: „Weil ihr so fleißige Leserinnen seid!“ Muss man Bücherliebe belohnen? Wo doch das Lesen an sich schon Belohnung ist. Sehe ich das falsch? Oder zu optimistisch? Oder hat die Dame hinterm Tresen einfach andere Erfahrungen gemacht mit Nachwuchslesern?

Mein kleines Bücherwurmherz hüpft jedenfalls, wenn ich meine Kinder beim „Lesen“ bzw. Bücherblättern beobachte. Gut, der Krümellord packt vielleicht ab und an noch etwas grob zu. Reißt versehentlich Aufklappfiguren ab. Knickt Seiten um. Oder drückt so lange auf die Tonwiedergabe-Knöpfe – z.B. in diesem tollen Musikinstrumente-Buch – bis diese den Geist aufgeben. Der Bücherliebhaber in mir gruselt sich gepflegt. Aber geschenkt! Denn ich finde es hinreißend, das mein fast Anderthalbjähriger regelmäßig zu den „Kinderfächern“ in unserem Bücherregal geht, einen Titel auswählt und damit umständlich aufs Sofa klettert, um darin zu blättern. Am besten mit wichtiger Miene und einem Kopf stehenden Buch.

Von Bettlektüre und Bücherchaos.

Bei der Großen gefällt mir besonders ihr Blick fürs (manchmal nebensächliche) Detail. „Warum weint das Kind hier? Wo ist seine Mama?“ Fragender Blick ins Wimmelbuch. Und schon entsteht in den Köpfen von Krümellady und mir eine eigene kleine Geschichte rund um die traurige Buchfigur. Lieblingsbücher nimmt die Lady übrigens gerne mit ins Bett. Auch wenn sie noch weit entfernt ist von einem Altern, in dem Kinder nachts mit Taschenlampe unter der Decke schmökern. Aber Dinge, die wichtig sind, verdienen einen besonderen Platz. Bücher gehören im Universum der Lady definitiv zur Kategorie „sehr wichtig“. Und während die Lieblingsbücher am Ende des Tages ihren Ehrenplatz im Kinderschlafzimmer einnehmen, türmt sich im Wohnzimmer indessen oft ein riesiges Bücherchaos. Ich habe es irgendwann aufgegeben, die Titel nach Altersempfehlung und Größe zu ordnen und zu verstauen. Und leider habe ich auch nicht die Muße, sie instagram-optimiert nach Farben aufzureihen 😉 Aber sind solche Befindlichkeiten nicht Peanuts gegen ausführliche, ungehemmte Bücherliebe?!

Und wie ist das mit euch und den Büchern: leidenschaftliche Liebe oder Zweckbeziehung?

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