Expats in FinnlandZieht die Playmobil-Drachenburg mit? Warum reden die alle so komisch hier? Und wie funktioniert Fußball auf Finnisch? – Solche und ähnliche Fragen beschäftigten Yvonne und ihre Familie, als sie vor gut einem Jahr in ein neues Leben als Expats in Finnland aufbrachen. Im ersten Teil der Mini-Serie hat uns Yvonne vom house hunting in Finnland und den Umzugsvorbereitungen erzählt. Heute beschreibt die Personalerin in Elternzeit, wie die ersten Tage im neuen Zuhause in Espoo abliefen, was ihrem Sohn und ihrer Tochter den Start in der KiTa erleichterte und warum man sich nicht darauf verlassen sollte, dass Kinder „sich schon irgendwie verständigen“.

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7. Mai 2015: Wir sitzen im Flieger nach Helsinki, ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Man könnte jetzt denken, ich hatte ein mulmiges Gefühl im Bauch … aber nein, überhaupt nicht! Eigentlich war es eher gemäßigte Vorfreude. Nach dem ganzen Organisationsstress in den Wochen zuvor ging es endlich los! Wahrscheinlich ist man mit zwei Kindern aber auch zu sehr beschäftigt, um viel nachzudenken. Schön war auch, dass meine Mutter mit nach Finnland flog und uns die ersten beiden Wochen in der neuen Heimat unterstützt hat. Sie hat mir den „Alltagskram“ abgenommen wie Putzen, Kochen oder Aufräumen.

In Helsinki angekommen, hat uns mein Mann am Flughafen abgeholt. Zu Hause war schon alles vorbereitet: Als allererstes haben die Kinder ein großes Trampolin vor unserem Haus entdeckt, welches wir mit den Nachbarn teilen. Der erste Eindruck als Expats in Finnland war somit super und die Situation gerettet, mein Sohn und meine Tochter waren sofort happy. Ihre Kinderzimmer hatte mein Mann schon eingeräumt. Es war gut, dass sie ihre vertrauten Spielsachen direkt wieder vorgefunden haben. Der Große hatte mich in der Tat vorab gefragt, was denn mit seiner Playmobil-Drachenburg passieren wird. Über solche Themen machen wir Erwachsenen uns überhaupt keine Gedanken, denn für uns ist es logisch, dass bei einem Umzug alles mitkommt. Kinder hingegen haben jede Menge Fragen und Unsicherheiten.

Erstes To-Do: Ämter abklappern, Formalitäten erledigen.

Am nächsten Tag ging es dann los mit den ersten Behördengängen. Toll ist, dass hier wirklich jeder Englisch spricht, so dass alles erstaunlich glatt ging. Die Behörden sind sehr gut organisiert: Wenn man einen Termin hat, dann kommt man in der Regel pünktlich dran und verbringt nicht stundenlang mit Warten. Die wichtigsten Verabredungen hatte unser Relocation Service vorab für uns organisiert und unser Ansprechpartner begleitete uns auch auf die Ämter. Ohne Termin muss man hier überall Marken ziehen, z.B. bei der Post, und kann sich dann zumindest die Wartezeit sinnvoll vertreiben.

Ebenfalls gut organisiert ist übrigens das Parken in Finnland: Im Großraum Helsinki und in ganz vielen Städten Finnlands gibt es EasyPark: Mit einer App lässt sich von unterwegs die Parkzeit verlängern oder beenden, bezahlt wird minutengenau. Eine echte Erleichterung, wenn man gerne mal spontan unterwegs ist und vorab schlecht abschätzen kann, wie lange man stehen bleiben möchte.

Aber zurück zu unseren ersten Tagen im neuen Zuhause: Ein komisches Gefühl hatte ich beim Besuch in der Bank. Finnland ist fast bargeldlos, man zahlt so gut wie alles mit Karte. Daher benötigte ich dringend eine Kreditkarte. Es war jedoch gar nicht so einfach diese zu beantragen, da ich – in Elternzeit! – in Finnland kein Einkommen vorweisen kann. Bei diesem Termin wurde mir sehr deutlich, wie abhängig ich eigentlich bin und so gar nicht mehr selbständig. Naja, einmal kräftig schlucken und nach vorne schauen. Ist ja nur vorübergehend.

Expats in Finnland
Auch eine der ersten Anschaffungen: ein finnisches (Zweit-)Auto.

Einkaufen: Und wo ist jetzt die Butter?! 

Danach ging es in den Supermarkt für unseren ersten Lebensmitteleinkauf als Expats in Finnland. Puh, das war überwältigend! In Finnland gibt es fast nur größere Supermarktketten – vergleichbar mit Real oder Kaufland in Deutschland. Dort bekommt man von Glühbirnen über Fernseher, Geschirr, Spielsachen und Klamotten bis hin zu den Lebensmitteln einfach alles für den täglichen Gebrauch. Zu Beginn waren wir etwas irritiert als wir vor der riesigen Auswahl an Milch oder Butter standen – alles in Finnisch oder Schwedisch beschriftet! Mein erstes Fleisch habe ich nach einem Bild mit einem Huhn darauf gekauft. Als ich in den ersten Wochen einmal verzweifelt versucht habe, mit meinem Handy die Übersetzung für ein Produkt zu finden, hatte eine Dame Mitleid und sprach mich an, ob sie mir weiterhelfen könne.

Die finnische Sprache ist unserer wirklich völlig fern und man kann sich im Prinzip gar nichts herleiten. Außer vielleicht posti (Post), banaani (Banane) oder apteeki (Apotheke). Aber wie schon in meinem ersten Gast-Post erwähnt, kommt man überall mit Englisch weiter. Das erleichtert den Alltag doch sehr. Bei den Discountern ist übrigens auch noch Lidl in Finnland vertreten. Dort war ich früher sehr selten einkaufen, aber hier finde ich es total schön, wenn man hin und wieder Produkte aus Deutschland findet.

Zu Beginn unserer Zeit in Finnland waren wir außerdem Stammgäste bei Bauhaus und Ikea. Das ist schon irre: Da kommt man ins Bauhaus und zuerst lachen einen Geräte von Bosch, Kärcher oder Metabo an. Da kommt Heimatgefühl auf 😉 Zum Beispiel haben wir gleich am ersten Wochenende nach unserer Ankunft Rollos für die Schlafzimmer gekauft, damit es nachts wenigstens ein bisschen dunkel ist. Denn die schon vorhandenen Jalousien haben gerade rund um Midsommer nichts gebracht. Zur Sonnenwende ist es nachts gar nicht so richtig dunkel geworden. In den Wochen davor und danach wurde es so gegen 23.00 Uhr langsam dunkel und gegen 3.00 Uhr morgens schon wieder hell. Ich persönlich war zu Beginn sehr von der langen Helligkeit irritiert.

Auf geht’s in die KiTa: Ankommen braucht Zeit.

Am Montag nach unserer Ankunft begann die Eingewöhnungsphase in der neuen KiTa. Wir hatten erst überlegt, uns noch ein wenig Übergangszeit zu gönnen. Aber erstens waren wir schon zwei Wochen aus Düsseldorf weg. Zweitens beginnt in Finnland die Urlaubszeit an Midsommer (Mitte/Ende Juni) und die KiTa hat nur noch gekürzte Öffnungszeiten. Da mir vorab schon klar war, dass die Eingewöhnung mit der neuen Sprache eher länger dauern wird, wollte ich so früh wie möglich beginnen.

Und ich sollte Recht behalten. In den ersten Tagen sind die Kinder beinahe nicht von meiner Seite gewichen. Ist ja auch kein Wunder: Um sie herum haben alle immer Englisch gesprochen und sie konnten kein einziges Wort verstehen. Es gab noch ein anderes deutsches Kind. Aber das Mädchen war zu dem Zeitpunkt gerade mal ein Jahr alt – also keine Hilfe für Übersetzung in Aussicht. Kurz kam Hoffnung auf als uns eine deutsche Praktikantin vorgestellt wurde, sie war jedoch in einer anderen Gruppe eingesetzt und ihr Praktikum endete ein paar Tage später. Allerdings ist sie heute unsere Babysitterin 🙂

Sprache verbindet. Sprache trennt.

In Summe waren die ersten Wochen als Expats in Finnland für uns alle wirklich anstrengend: Für die Kinder war es zunächst schwierig, Freunde zu finden. Sie konnten sich erst mal noch nicht verständigen und haben sich zurückgezogen. In dieser Zeit waren sie sicher sehr dankbar, dass sie den anderen hatten – auch wenn sie sich heute manchmal bis aufs Messer streiten. Man sagt ja immer, dass Kinder auch miteinander spielen, wenn sie nicht die gleiche Sprache sprechen. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es doch sehr auf die Situation ankommt.

In der Nachbarschaft wohnen einige Kinder im Alter unserer beiden. Es war jedoch schwer für unseren Sohn und unsere Tochter, sich zu integrieren. Alle anderen unterhielten sich auf Finnisch und unsere Zwei konnten nicht mitreden. So waren sie dann auch draußen immer für sich. Ich denke, dieses „sich auch ohne gemeinsame Sprache verstehen“ kann bei zwei Kindern funktionieren, aber in einer Gruppe wird es schwierig.

Für mich war diese erste Zeit ebenfalls anstrengend, da der Große und die Kleine sehr an mir hingen. Ich hatte praktisch kaum Zeit für mich. Und war wieder einmal wirklich froh, dass ich nicht arbeiten musste, wir keinen zeitlichen Druck hatten mit der Eingewöhnung und ich mich auf die Kinder konzentrieren konnte.

Insgesamt war es für „den Großen“ (damals fast 5 Jahre) auch schwieriger als für seine kleine Schwester (damals knapp 3 Jahre). Er hatte schon Freundschaften in Düsseldorf geschlossen, seine Freunde nachmittags alleine besucht und sogar schon bei seinen Kumpels alleine übernachtet. Diese gerade gewonnene Selbständigkeit musste er dann wieder aufgeben in Finnland. Das hat ihm zu schaffen gemacht und er hat noch viele Monate davon gesprochen, dass er seine Freunde vermisst.

Netzwerken: Über Zufallsbekanntschaften und WhatsApp-Kontakte.

Ich hatte durch einen glücklichen Zufall vorab schon Kontakt zu einer deutschen Mami in Finnland. Sie hat dann gleich in der zweiten Woche ein Treffen mit anderen deutschen Expats in Finnland organisiert. Das war toll, ich konnte mich austauschen. Und die Kinder haben sich super gefreut, wenn wir uns mit Leuten getroffen haben, die Deutsch sprechen. Ich bin dann auch gleich in eine WhatsApp-Gruppe aufgenommen worden und so konnten wir uns spontan nachmittags verabreden.

Mit der Zeit lernten wir dann über alle möglichen Wege neue Leute kennen: Seit wir in Finnland wohnen, bin ich auch wieder über Facebook aktiv. Es gibt deutsche Gruppen („Deutsche in Finnland“) oder Mama-Gruppen („Die Waschnüsse“ – eine deutsche Mama-Gruppe) über die ich viele Tipps bekomme, z.B. zur Freizeitgestaltung oder auch für den Alltag. Man muss noch nicht mal aktiv sein, es reicht schon, sich die vielen Konversationen durchzulesen. Man erfährt dann, wo man tollen Balsamico-Essig kaufen kann, wo der beste Bio-Supermarkt ist etc.

Wie in jeder großen Stadt weltweit gibt es auch in Helsinki einen International Women´s Club (IWCH „International Women´s Club of Helsinki“). Aufgenommen wird man allerdings nur auf Empfehlung von einem anderen Mitglied. Auch viele Finninnen sind in diesem Club organisiert, denn Ziel ist es, die Frauen untereinander zu vernetzen. Es gibt regelmäßige Treffen mit Buchlesungen, Kochkursen und vielem mehr.

Sprachbarrieren adé! Mit Hobbies eine neue Heimat finden.

Mir war allerdings immer wichtig, dass vor allem die Kinder schnell Anschluss finden und so habe ich jede Chance genutzt, neue Leute kennen zu lernen. Über zwei Ecken haben wir für den Großen im vergangenen August einen Fußballverein gefunden. Allerdings wird dort nur Finnisch gesprochen. Ich hatte befürchtet, dass sich die Fußballbegeisterung unseres Großen angesichts der Sprachbarriere schnell legen wird. Aber in diesem Fall funktioniert die Verständigung mit Hand und Fuß tatsächlich prima! Seitdem fahren wir unseren Sohn zweimal pro Woche zum Fußballtraining. Wenn er dann bei einem Spiel ein Tor schießt und jubelnd über den Platz rennt, sind alle Startschwierigkeiten vergessen. Die Kleine haben wir in diesem Jahr ab Herbst zum Eislaufen angemeldet, dann haben beide ihr Hobby.

Im letzten Herbst hatten die Kinder erste KiTa-Freundschaften geschlossen. Mein Mann und ich haben dann Kontakt zu den Eltern aufgenommen und uns auch mal an den Wochenenden verabredet. Und wie es der Zufall will, wussten wir außerdem, dass eine finnische Familie in Deutschland gelebt hatte und erst einige Wochen vor uns nach Finnland zurückgekehrt war. In einem persönlichen Gespräch stellte sich dann heraus, dass wir fast zwei Jahre lang im gleichen Dorf bei Düsseldorf gewohnt hatten. Wer weiß, wie oft wir uns dort schon über den Weg gelaufen sind! Die Jungs sind jedenfalls gleich alt, gut befreundet und wir treffen uns regelmäßig.

Expats in Finnland
Palmsonntag: Mit Freunden und geschmückten Palmzweigen geht’s von Haus zu Haus.

Juhannus und Co.: Wenn Finnen feiern.

Durch den regelmäßigen Kontakt mit zwei weiteren finnischen Familien haben wir auch verschiedene finnische Traditionen kennen gelernt. Am Palmsonntag etwa gehen die Kinder mit selbst geschmückten Palmzweigen von Haustür zu Haustür, sagen einen Spruch auf und bekommen dann Süßigkeiten. Außerdem wird der 1. Mai (Vappu) mit einem besonderen Essen gefeiert – was genau, entscheidet aber jede Familie selbst. Und in der Stadt feiern die Studenten eine große Mai-Party. Eine Karnevals-Tradition wie im Rheinland gibt es nicht. Aber etwa zur gleichen Zeit treffen sich hier alle zum Schlittenfahren und essen anschließend gemeinsam heiße Erbsensuppe. Wenn in Deutschland am 6. Dezember der Nikolaus kommt, begeht Finnland seinen Nationalfeiertag. Nicht zu vergessen ist natürlich Midsommer (Juhannus). Der Freitag vor oder nach dem 21. Juni ist Feiertag. Anschließend leert sich die Stadt. Die Urlaubszeit beginnt und die meisten Finnen fahren in ihr Ferienhaus. Es gibt an diesem Tag einige „Juhannus“-Feuer, so wie bei uns in Deutschland die „Sonnwendfeuer“.

Finnland steckt voller Möglichkeiten und ist unheimlich kinderfreundlich. In meinem nächsten Beitrag erzähle ich euch mehr von unserer Freizeitgestaltung und den Ausflügen, die wir unternommen haben.

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Danke für diese spannenden Einblicke ins euer Leben als Expats in Finnland, liebe Yvonne!

2 comments on “Als Expats in Finnland: Von neuen Freunden und Heimatgefühlen im Baumarkt.”

  1. Hallo, gibt es eine Möglichkeit, Yvonne zu kontaktieren? Ich lebe nicht (mehr) in Finnland, habe aber 3 Jahre dort gewohnt, knapp außerhalb von Helsinki und Espoo und beabsichtige, irgendwann – so bald wie es geht – wieder dorthin zu ziehen. Ich habe zwar Leute dort und werde auch Silvester in Espoo verbringen, aber mich interessiert der „International Women’s Club of Helsinki“.
    Ich würde mich freuen, etwas zurück zu hören, Country Kruemel kann meine E-Mail-Adresse gerne weitergeben.
    Liebe Grüße, Simone

    • Liebe Simone,
      vielen Dank für dein Interesse 🙂 Gerne stelle ich für dich einen Kontakt zu Yvonne her. Schicke doch einfach deine konkreten Fragen an post(at)countrykruemel.de. Dann gebe ich alles an Yvonne weiter und sie schaut, ob sie dir weiterhelfen kann.
      Herzlichen Gruß!

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