meine kleine WeltAm vergangenen Freitagabend hatte ich – wie vermutlich viele Bewohner Münchens und der Münchner Peripherie – eine Art News-Flash. Heißt: Ich konnte die Liveberichterstattung im TV nicht ausschalten. Ich konnte nicht aufhören, den Second Screen zu befragen. sueddeutsche.de, Facebook, WhatsApp und der Twitter-Account @PolizeiMuenchen – alle halbe Stunde prüfte ich, ob neue Infos zur Lage in der bayerischen Landeshauptstadt verfügbar wären. Da kamen Reflexe aus meinem Journalistik-Studium hoch: Infos sammeln. Quellen prüfen. Mehr Infos sammeln. Und erst dann: Meinung bilden, einordnen. Nur dass das (vermutete) Geschehen am Freitagabend so unvorstellbar war, dass ich rein gar nichts einordnen konnte. Kein vorgefertigtes Denkmuster zur Verfügung, kein Schema F, um einen Zugang zur Situation zu finden. Stattdessen: eine Leerstelle. Mehr Fragen als Antworten.

Bis in die Nacht hinein hing ich vorm TV, ließ die Eindrücke aus München auf mich einprasseln. Und war gleichzeitig froh, in meiner kleinen Gemeinde vor den Toren der Stadt zu sein. Weit weg vom Geschehen. Froh, dass der Mann um 19.00 Uhr den vermutlich letzten Regionalzug aus München erwischt hatte. Froh, dass meine kleine Welt vor Ort noch ganz war. Unberührt von den unvorstellbaren Dingen, die „da draußen“ vor sich gingen.

Nach Mitternacht schaltete ich die Glotze aus. Las noch einmal den aktuellsten Tweet der @PolizeiMuenchen. Und legte mich ins Bett, wo neben dem Mann auch schon mein kleiner Sohn auf mich wartete. Er schlief tief und vermittelte dieses Gefühl von Frieden und Ganzheit, wie es wohl nur der Anblick eines traumversunkenen Kindes kann. Ich dachte an all die anderen, die nicht ruhen konnten. Die unterwegs waren, gestrandet im Chaos des Münchner Amoklaufs. Im Traum lächelte mein Kind. Und ich dachte an die Opfer des Amokschützen. Die ihr Gegenüber nie wieder anlächeln würden. Sie alle besaßen eine „kleine Welt“, ihr kleines, privates Glück. Einen protected space, einen Platz zum Träumen, Pläne schmieden, denken, wachsen. Jetzt war ihre Welt für immer verloren. Warum?

Ich glaube, es ist wichtiger denn je, Antworten zu geben. Nicht nur, weil unsere Kinder uns Fragen stellen zu den Ereignissen der letzten Zeit. Zu München. Aber auch zu Nizza, Würzburg, Ansbach, Rouen. Sondern auch, weil wir mit unseren Antworten und unserem Verhalten dazu beitragen, die Welt zu gestalten, in der wir leben. Eine der wichtigsten Antworten von München war die Initiative #opendoors #Muenchen #offenetuer. Unter diesen Hashtags boten Twitter-User Unterschlupf für Gestrandete. Sie öffneten ihre kleine Welt – im Wortsinn – für Schutzsuchende von Außen.

Und tatsächlich glaube ich, dass diese, unsere kleine Welt ein guter Ausgangspunkt ist. Mit think big kommen wir nicht weiter – es sei denn, wir sind ein big player. Think small ist ein gutes Motto dieser Tage. Heißt: Denk an die kleine Welt, deine Welt. Und was du als Einzelner darin bewegen kannst. Denk an das, was dich träumen, wachsen, aufatmen lässt. Und was du bewirken kannst, wenn du dein Wissen, deine Werte mit anderen teilst. Wenn jeder in seinem Umfeld aufmerksam ist, hinterfragt, nachdenkt, sich kümmert. Kurzum: tut, was in seinen Möglichkeiten steht. Dann – so glaube ich fest – kann die heile kleine Welt jedes Einzelnen auch einen Einfluss auf die große chaotische Welt „da draußen“ haben. Vielleicht keine perfekt ausformulierte und zweifelsfrei verständliche Antwort auf das komplexe Weltgeschehen, das aktuell so viele Fragen aufwirft. Aber zumindest der Versuch einer Annäherung.

Übrigens: Wie Onlinejournalisten versuchen, sich krisenhaften Ereignissen zu nähern, etwas zu erklären, noch während es geschieht, beschreibt Jochen Wegner, Chefredakteur von ZEIT online in diesem lesenswerten Essay: Die fünf Paradoxien der Livemedien und der Mythos des Oknos.

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