Trend verpasstNeulich im Autoradio: Eine mir unbekannte Band singt: „Ich und mein Holz, ich und mein Holz. Holzi, Holzi, Holz.“ Ich denke: ??? Ein paar Tage später in der WhatsApp-Gruppe meiner Schwiegerfamilie. Die Nichte des Krümelmanns postet einen Link zu diesem YouTube-Video. In der Vorschau-Beschreibung lese ich: „257ers – Holz“. Ich denke: Kommt mir irgendwie bekannt vor. Ich klicke: Ist das nicht dieser merkwürdige Song ausm Radio?! Aber – du liebe Güte! – was will uns dieser Liedtext sagen? Muddi mal wieder lost in translation … Hoffnungslos den Trend verpasst! Warum es gar nicht so schlimm ist, hinterherzuhinken.

Aber fangen wir von vorne an. Vor dem Trend verstehen, kommt – genau: Muddi muss den neuen heißen Scheiß erst mal kennen. Also das Video aufgerufen. Und: Aha! Ich begreife: „Holz“ ist eine Persiflage aufs Shopping TV. Eine Lobeshymne auf den Holzscheit – vermarktet als Multitalent in Küche, Garderobe und Fitnessstudio. Illustriert mit den Stilmitteln des Teleshoppings – ins Bild fliegende Telefonnummern, blinkende Preise, Sinnlos-Gewinnspiele und ebensolche Countdowns … Witzig gemacht, denke ich. Und gleich darauf: Hilfe, ich bin gar nicht mehr up to date in diesen Dingen! Immerhin belegt „Holz“ gerade Platz 21 der offiziellen deutschen Single Charts.

Mal ehrlich: Bin ich eine coole Mama?

Aber so ist das mit Anspruch und Wirklichkeit … In meiner eigenen Kindheit habe ich mir noch geschworen: Trend verpasst? Nicht mit mir! Ich werd’ mal eine coole Mama. Die checkt, was Trend ist. Die weiß, was Kinderherzen bewegt. So ähnlich wie meine Tante, die zehn Jahre jüngere Schwester meiner Mutter. Sie hatte immer einen besonderen Draht zu meinem Bruder und mir. Vermutlich, weil sie selbst gerade erst dem Kindsein entwachsen war. Meine Tante hat mit uns „Wickie und die starken Männer“ geschaut. Sie konnte sogar den Papagei aus dieser einen Folge perfekt nachahmen, der krächzte „Ergebt euch, wir haben euch umstellt!“. Außerdem besaß meine Tante einen Setzkasten voller kleiner Schlümpfe und anderer Figuren. Und ein ganzes Glas mit Ein- und Zwei-Pfennig-Stücken, das mein Bruder und ich regelmäßig auskippten und in ihrem Zimmer im Dachgeschoss verteilten. Für uns Kinder die schönste Spielwiese überhaupt.

Und heute? Heute bin ich schon froh, wenn ich nur annährend weiß, wer Mia und Onchao sind, Anna und Elsa oder Lillifee und Rosalie. Wenn ich nur eine ungefähre Vorstellung habe, was in der Kindergartengruppe meiner Tochter gerade so angesagt ist. Was die Krümelladies tragen müssen, um hip zu sein: Tüllröckchen von H&M. Welche Tiere angesagt sind: Pferde, Pferde und ähhh … Einhörner. Und wie ein cooler Mottogeburtstag aussehen sollte: Schneeweiß, eisblau und silbrig glitzernd, kurzum – wie Anna und Elsa. Puuuuh, ganz schön viel Holz …

Trend verpasst? Gar nicht so schlimm.

Aber muss ich deshalb – um im Bilde zu bleiben – jeden Holzscheit durchs Dorf tragen? Jeden Trend mitleben? Nur aus Angst, etwas zu verpassen. Ja und Nein. Ich glaube, dass es gut ist, die Lebenswirklichkeit unserer Krümel zu kennen, eine ungefähre Vorstellung zu haben, was und wer sie bewegt. Die Krümelkids sollen teilhaben, an dem, was wir popular culture nennen. Sie sollen ihre eigenen Erfahrungen machen. Selbst, wenn sich diese im Nachhinein als keine gute Idee rausstellen.

So wie bei mir mit ungefähr 16 Jahren. Als Haare färben total angesagt war. Speziell rote Haare. Nach meiner DIY-Aktion wusste ich dann auch, dass blonde Haare plus rote Tönung einen wunderschön signifikanten Orangeton ergeben. Einige Monate als Karotte herumzulaufen, hat mir mehr übers Leben gelehrt, als wenn meine Eltern mir verboten hätten, den Haar-Trend mitzumachen. Denn gerade das Wissen um echte und vermeintliche Trends hilft uns, auszuwählen: Was ist ein solider Holzklotz und welches Stöckchen wird schon bald wieder vom Winde verweht?

In diesem Sinn: Bleibt trendy. Aber euch und euren Kindern treu!

PS: Auf dem Bild oben seht ihr übrigens eine Straßenszene aus Tokio. Der Stadt, die wie keine andere Trends und Traditionen verbindet.

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