Gedanken zur US-WahlEs fällt mir schwer, meine Gedanken zu sortieren. Es fällt mir schwer, diese Worte zu schreiben. Denn seit dem vergangenen Dienstag ist klar: Der 45. Präsident der Vereinigten Staaten wird (vermutlich) Donald Trump sein. Ein Mann, der sich vor allem durch Narzissmus und einen offenen Rassismus profiliert hat. Nicht durch einen soliden politischen track record. Der keinerlei außen- oder innenpolitische Erfahrung besitzt. Dafür aber umso lauter von einer Mauer entlang der Grenze zu Mexiko fantasiert. Ein Mann, dessen sexistische und frauenverachtende Ansichten ihm den gruseligen Twitter-Hashtag #grabthembytheirpussy einbrachten. Dessen populistisches Leitmotiv „Make America great again“ an niedrigste Instinkte appelliert. Nicht an wahre Größe. Was bedeutet die politische Legitimation von Donald Trump? Und vor allem: Welchen Effekt hat seine vergiftete Rhetorik? Gedanken zur US-Wahl.

Für mein Empfinden hat Donald Trump eine rhetorische Eiszeit eingeleitet. Und ich fürchte mich vor dem Effekt dieser Eiszeit. Ich fürchte mich davor, was Trump mit seinem Populismus und seinen verbalen Entgleisungen anrichtet. Und schon längst angerichtet hat – wenn man zum Beispiel dieser Sammlung von Hate Speech During „Day 1 of Trump’s America“ glauben darf.

Nicht nur für uns Erwachsene hat Donald Trumps Rhetorik eine verheerende Wirkung. Sondern vor allem auch für unsere Kinder. Als Mama frage ich mich: Was bedeutet es für die toddler, schoolkids und teenager in den USA, mit einem Präsidenten aufzuwachsen, für den sexual misconduct offensichtlich ein Kavaliersdelikt ist (vgl. Roger Ailes „Helped“ Women)? Für den die eigene „Schönheit“ vor allem eine Frage des Geldes ist: „Part of the beauty of me is that I am very rich.“ Der Frauen aufgrund von Äußerlichkeiten be- und aburteilt: „Look at that face! Would anyone vote for that?“ – Und diese Bemerkung über seinen Mitbewerberin Carly Fiorina bei den Republican Party presidential primaries ist noch eine von Trumps „harmlosesten“ Ausfällen gegenüber Frauen.

Gedanken zur US-Wahl.

Was für Werte kann ein Präsident vermitteln, der selbst ganz offensichtlich ein völlig verzerrtes Wertesystem besitzt? Sollten Führungsfiguren nicht Vorbilder sein? Ist es nicht genau das, was die Essenz von greatness ausmacht: Gedanken, die groß, im Sinne von wegweisend und vorausschauend, sind. Die auf dem Respekt vor der Würde des Menschen beruhen – unabhängig von Hautfarbe, Religion oder Geschlecht. Unabhängig von sexueller Orientierung oder politischer Einstellung. Nicht umsonst hat Angela Merkel in ihrer Erklärung zum Wahlsieg Trumps die Einhaltung dieser Werte als unerlässliche Bedingung für eine Zusammenarbeit genannt. Denn nein, es ist nicht Geld, das Amerikas Größe bestimmt. Es ist nicht Macht. Nicht wirtschaftliche oder militärische Dominanz. Geld ist endlich. Auch Macht oder Dominanz. Es sind die Gedanken, die großes bewirken, die Geschichte machen.

What would Martin Luther King say?

So wie 1963. Als Martin Luther King Jr. seine berühmte Rede vor dem Lincolm Memorial in Washington hielt. What would Martin say? Was würde er zu Donald Trumps vergifteter Rhetorik sagen? Hören wir genau hin. Denn Martin Luther Kings Worte sind heute so aktuell wie nie.

Während Donald Trump eine ganze Nation diskreditiert („When Mexico sends its people, […] They’re bringing drugs, they’re bringing crime. They’re rapists […].“) unterstreicht Martin Luther King das Prinzip der Gleichheit aller Menschen und zitiert die Präambel der amerkanischen Unabhängigkeitserklärung:

„I have a dream that one day this nation will rise up and live out the true meaning of its creed: ‚We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal.’“

Physical force vs. soul force.

Während Donald Trump nie einen Hehl daraus gemacht hat, ein großer Fan des 2nd amendment zur Amerikanischen Verfassung zu sein – dem Zusatz, der es verbietet, das Recht der Amerikaner einzuschränken, eine Waffe zu besitzen oder zu tragen – erinnert Martin Luther King daran, dass die Macht der Gedanken stärker ist als physische Gewalt:

„Let us not seek to satisfy our thirst for freedom by drinking from the cup of bitterness and hatred. We must forever conduct our struggle on the high plane of dignity and discipline. We must not allow our creative protest to degenerate into physical violence. Again and again, we must rise to the majestic heights of meeting physical force with soul force.“

Während Donald Trump Mauern bauen will („I will build a great, great wall on our southern border, and I will make Mexico pay for that wall.“) feiert Martin Luther King die Freiheit:

„And when this happens, and when we allow freedom ring, when we let it ring from every village and every hamlet, from every state and every city, we will be able to speed up that day when all of God’s children, black men and white men, Jews and Gentiles, Protestants and Catholics, will be able to join hands and sing in the words of the old Negro spiritual: Free at last! Free at last! Thank God Almighty, we are free at last!“

Über greatness als Selbstzweck und wahre Größe.

Donald Trumps Rhetorik ist eine Anti-Rhetorik. Er schließt aus. Er separiert, er schafft Feindbilder und untermauert Stereotype. Ich wünsche mir, dass Martin Luther Kings Worte für alle Zeiten lauter sind als der vergiftete Populismus eines Donald Trump. Dass Kings Worte weiterhin die Kraft haben, zu heilen und zu einen. Ich wünsche mir, dass unsere Kinder wissen, was wahre Größe ist. Kein Selbstzweck. Sondern wertebasiert und wertvoll für alle Menschen – unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung oder politischer Einstellung. What would Martin say? Ich hoffe, dass wir uns diese Frage immer wieder stellen werden – vor allem dann, wenn Populismus am lautesten ist.

 

 

PS: Das Foto oben habe ich heute beim Sonntagsspaziergang mit meinem Sohn aufgenommen.

PPS: Meine Gedanken zur US-Wahl stützen sich auf Zitate aus folgenden Quellen:

Martin Luther King: I have a dream. 

CBS News: 30 of Donald Trump’s wildest quotes.

CNN politics: The times Trump changed his position on guns.

DiversityInc: Trump’s Record of Hate to Date.

 

 

2 comments on “Rhetorische Eiszeit. Oder: What would Martin say? Gedanken zur US-Wahl.”

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