VertrauenMein Sohn ist ein kleiner Kamikaze. Er klettert aufs Fensterbrett, streckt die Arme in die Höhe, ruft: „Mama, spring!“. Und noch bevor ich bis auf Armeslänge an ihn heranreiche, hüpft er zu Boden. Er springt immer ein kleines bisschen früher ab als mir lieb ist. Aber immer im vollen Vertrauen darauf, dass ich da bin. Ihn auffange. Kindliches Vertrauen – dieses völlig-ohne-Zweifel-auf-einen-anderen-Menschen-einlassen, alternativlos auf das Gegenüber setzen – ist ein Geschenk. Aber auch eine große Verantwortung.

Denn mal ehrlich: Meine Kinder vertrauen mir schon, wenn ich mich noch frage, ob ich diesem Vertrauen überhaupt gerecht werde. Ob ich das überhaupt schaffe: Mitten in der Nacht aufzustehen, um ein weinendes Kleinkind zu mir ins Bett zu holen, damit es beruhigt weiterschlafe. Und zwar nicht nur einmal, sondern viele Nächte in Folge. Nach einem anstrengenden Halbtag im Job noch die Energie aufzubringen, zu Kinderkursen zu flitzen, Verabredungen mit den Freundinnen der Krümellady auszurichten oder den kleinen Kameraden des Krümllords und ihren Müttern eine gute Gastgeberin zu sein. Ab 22.00 Uhr abends an einem beruflichen Artikel zu feilen, während im Halbstundentakt das kranke Kind weinend erwacht – und der Krümelmann beruflich in einer anderen Stadt unterwegs ist. Ausgewogen einzukaufen und zu kochen – obwohl mir einfach nur danach wäre, die Beine hochzulegen und den Pizzadienst zu rufen.

Noch bevor ich selbst weiß – „Ich schaffe das!“ – setzen meine Kinder schon darauf, dass ich eine bestimmte Situation meistern werden, dass ich eine besondere Herausforderung nicht nur annehme sondern auch (für sie) auflöse. Ja, vielleicht ist dieses grenzenlose Vertrauen überhaupt erst die Voraussetzung, dass ich bestimmte Dinge schaffe. Sie einfach mache, obwohl ich noch gar nicht sicher bin, dass ich das kann. Ist es nicht erstaunlich, dass wir Mütter und Väter es immer und immer wieder schaffen, unsere Kinder aufzufangen, ihnen Halt zu geben? Und das durchaus im übertragenen Sinne.

Mama und Papa als Helden.

Wenn ich an meine eigene Kindheit zurückdenke, bin ich froh und dankbar, in diesem Wissen aufgewachsen zu sein: Es ist immer jemand da, der weiß, was zu tun ist. Der weiß, wie man die Dinge anpackt, Herausforderungen annimmt, Widersprüche auflöst. Der Bescheid weiß, wie in Berlin die U-Bahn funktioniert oder wie man einen platten Fahrradreifen flickt. Der mir vorliest, wenn ich mit Windpocken im Bett liege oder mich tröstet, wenn ich mit der besten Freundin Streit habe. Bis zu einem bestimmten Alter, vielleicht der Pubertät, vielleicht früher, sind die eigenen Eltern einfach nur Helden. Erst nach und nach, wenn man selbst Wissen erwirbt, Erfahrungen sammelt, sieht man, wo auch die Grenzen des anderen verlaufen, wo ein Kuss und ein Trost nicht mehr ausreichen.

Nehmen wir meine Großmutter, über die ich hier schon einmal geschrieben habe. In meiner Kindheit war sie für mich Lebensklugheit und Kompetenz in Person. Ein Mensch, zu dem ich unbedingtes Vertrauen hatte. Wann immer mein Bruder und ich mit Oma in ihrem Städtchen unterwegs waren, war sie mein Tor zu diesem großen, unbekannten Ort: Meine Oma kannte alle, grüßte alle und stellte uns Kinder allen vor. Sie wusste, wo im Supermarkt die TicTacs standen, ging mit uns zum Metzger mit den leckeren Wienern und zeigte uns, wie man mit Weidenstöcken Mini-Golf spielt. Selbst den Besitzer der Eisdiele hatte sie schon betreut als er noch ein Kindergartenkind war. Und wir Enkel bekamen eine extra große Waffel, wenn wir mit meiner Großmutter seinen Laden besuchten.

Mit Vertrauen durch die verkehrte Welt.

Und dann fiel mir irgendwann auf, wie hilflos meine Großmutter war. Einmal ging sie auf Busreise. Es war noch zu Beginn ihrer Demenzerkrankung. Aber sie war schon nicht mehr ganz die Alte. Während ich zu der Zeit längst alleine in große Städte fuhr – nach Köln zum Shoppen, nach Bonn in den Biergarten und zum Studium nach Leipzig – wurde die comfort zone, der natürliche Bewegungsradius meiner Oma immer kleiner und kleiner. Die Verhältnisse hatten sich umgekehrt. Meine kleine Oma, verloren auf dem großen Kölner Busterminal. Eine alte Frau, inmitten einer unübersichtlichen, lauten Menschenmenge. Wir mussten damals alle sehr schmunzeln als sie sagte, mein Vater sei ihr „wie ein Engel“ erschienen als er sie am Ende ihrer Reise am Busbahnhof abholte. Aber aus ihrer Sicht war dies vermutlich nicht mal eine Übertreibung. Denn jetzt war sie es, die uns blind vertraute. Die von meinen Vater, ihrem Schwiegersohn, an die Hand genommen und zum Auto geführt werden wollte.

Es gibt Zeiten im Leben, da schenken wir Vertrauen. Vielleicht, weil wir es müssen, weil dieses kindliche Urvertrauen alternativlos ist. Und dann gibt es Zeiten, in denen empfangen wir Vertrauen und tun alles, um diesem kostbaren Vertrauensvorschuss gerecht zu werden. Meine hilflose Großmutter und mein übermütiger Sohn – am Ende haben sie vielleicht dieses gemeinsam: Vertrauen macht stark. Nur weil meine Oma darauf vertraute, am Ende ihrer Reise sicher in Empfang genommen zu werden, packte sie überhaupt erst den Koffer. Nur weil mein Sohn darauf vertraut, dass ich ihn auffange und halte, hüpft er so unbeschwert vom Fensterbrett. Vertrauen wächst, wenn man es nährt. Wir selber wachsen. Denn wenn wir erleben, dass der Boden unter uns trägt, dass wir Halt finden und gehalten werden, trauen wir uns auch, allein die ersten Schritte zu gehen. Trauen, Vertrauen, Selbstvertrauen – was für schöne Wortverwandte.

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