Wie Kinder mit dem Tod umgehenVor nicht mal zwei Wochen ist unsere Nachbarin von Gegenüber verstorben. Eine ältere Dame Mitte Achtzig. Eine Künstlerin mit großer Lebensklugheit, einem feinen Humor und einer Unabhängigkeit im Denken und Tun, die sie sich bis zuletzt bewahrt hat. Die Krümelkids mochten unsere Nachbarin, nennen wir sie Henriette. Die Tür zu ihrem üppig begrünten und großzügig mit Blumen bewachsenen Garten ist mit Glöckchen behängt. Jeder Besucher wird umgehend angekündigt – ob er das will oder nicht. Wann immer die Kinder Henriettes Türglocken läuten hörten, wann immer sie Bewegung in ihrem Garten erahnten, rannten sie mit einem neugierigen „Hallo Henriette!“ raus und über die Straße. Nun klingelte es an unserem Gartentürchen. Und Henriettes Mitbewohner und Begleiter der letzten Jahre erzählte, sie sei in der Nacht im Krankenhaus verstorben. Bämmm. Wie verstorben? Wie Kinder mit dem Tod umgehen – ein paar Beobachtungen.

Nur wenige Tage zuvor hatten die Krümelkids und ich noch mit Henriette über den Gartenzaun hinweg geplaudert. Die Krümellady war Henriette in ihr Haus gefolgt, um mit ihr die Katze zu füttern. Und Henriette hatte meiner Tochter – ganz entgegen ihrer sonst eher zurückhaltenden Art – eine essbare Halskette geschenkt. Nach langer Krankheit hatte Henriette endlich wieder richtig gut ausgeschaut. Auch wenn sie den Hügel zu unseren Häusern nun nicht mehr selbstständig hochsteigen konnte.

Jetzt also doch: Henriette hatte Abschied genommen. Abschied von ihrem Haus am Hügel mit dem prächtigen, wilden Garten. Von einem Atelier voller Bilder und Skizzen, Farben und Materialien. Ihren Ideen und Figuren. Ihrem kreativen Werk. Aber auch von uns allen. Ihren Nachbarn, ihren Wegbegleitern, ihren kleinen Freunden.

Wie Kinder mit dem Tod umgehen

Und während ich selbst noch meine Bestürzung verarbeitete. Versuchte, zu verstehen, wie plötzlich Henriette gegangen war. Und daran dachte, was uns fehlen würde. Ihr leiser Humor. Ihre Klugheit. Ihr Blick über den Tellerrand des Alltäglichen. Während ich über all das nachdachte, die drängende Frage: Wie sag’ ich’s den Kindern? Wie kann ich Ihnen klarmachen, dass Henriette nicht mehr da ist und nie mehr wiederkommt – ohne sie zu verängstigen oder zu verstören? Wie Kinder mit dem Tod umgehen? Keine Ahnung!

Gerade meine Tochter hatte schon das eine oder andere Mal gefragt, wann wir – der Krümelmann und ich – so alt seien, dass wir sterben müssten? Ob sie schon groß wäre, wenn wir für immer weg wären? Ich antwortete schließlich, dass wir erst sterben würden, wenn sie selbst schon viel älter sei, ihre eigene Familie habe und längst bei uns ausgezogen sei. Woraufhin sie mir treuherzig versicherte, dass sie ja nie bei uns ausziehen würde …

Kommt sie nie wieder?

„Henriette ist heute Nacht eingeschlafen“, sagte ich schließlich, als die Krümelkids und ich bei Obst und Süßem nach dem Kindergarten tafelten. „Für immer.“ „Wie für immer: Ist sie tot?“, hakte meine Tochter sogleich nach. „Ja, Henriette ist gestorben. Das macht mich sehr traurig“, sagte ich. „Ja, das ist traurig“, sagte die Krümellady und machte ein ernstes Gesicht. Der Krümellord imitierte seine Schwester und mich. Effektvoll schob er die Unterlippe vor. „Kommt sie nie wieder?“, fragte die Krümellady. „Nein.“ Nachdenken. Stirn runzeln. Eine plötzliche Eingebung, fast freudig und sehr typisch für die überaus pragmatische Krümellady: „Dann kann ja meine Freundin M. jetzt neben uns einziehen!“ „Nein, Maus, deine Kindergartenfreundin kann nicht nebenan einziehen. Sie hat doch schon ein Haus.“ Wieder Schweigen.

Dann ein entsetzlicher Gedanken: „Und was ist mit Henriettes Katze? Die Katze will doch auch wissen, wo Henriette jetzt ist?“ „Henriettes Mitbewohner ist ja noch da. Und er kümmert sich um die Katze.“ „Aber, wenn die Katze sie sucht … Wo genau ist Henriette jetzt eigentlich?“ „Jetzt gerade ist sie noch im Krankenhaus. Und irgendwann später wird sie beerdigt.“ Und während ich noch im Geiste grübelte, wie ich weitere detaillierte Fragen nach dem Verbleib von Henriette beantworten sollte, kam der Krümellady ein anderer superwichtiger Gedanke und wir wechselten das Thema. Puuuuh.

Pssst, Henriette schlääääft!

Mein Zweijähriger hatte nicht viel gesagt zu unserer Unterhaltung. Aber ich war mir ziemlich sicher, dass der Krümellord genau mitbekommen hatte, worum es ging. Und über wen wir sprachen. Saugt der kleine Kerl doch gerade alles um sich herum auf wie der sprichwörtliche Schwamm. Und, Bingo! Vorgestern, gut anderthalb Wochen später, wir stiegen den Berg hoch, an Henriettes Haus vorbei, da legte der Krümellord mahnend den Finger auf seinen Mund: „Pssst, Henriette schlääääft“, sagte er, fast flüsternd. „Ja, mein Sohn, sie schläft für immer“, wisperte ich zurück. Dann gingen wir weiter. An Henriettes grünen Bäumen und Büschen vorbei. Der Krümellord läutete noch kurz an ihren Türglöckchen. Ich bin mir sicher, sie hat es gehört.

Und jetzt? Jetzt weiß ich vor allem dieses … Wie Kinder mit dem Tod umgehen. Erstens: Kinder sind gut darin, Dinge anzunehmen. Auch wenn sie unvorhergesehen passieren oder erst einmal traurig machen. Zweitens: Auch vermeintliche Nebensächlichkeiten können für unsere Kinder wichtig sein. Und deshalb müssen wir Eltern Antworten auf Fragen finden, die wir nie erahnen werden: „Was macht die Katze? Wer zieht in das Haus?“ Drittens: Kleinkinder bekommen mehr mit als wir vermuten. Und sei es nur ein bestimmtes Gefühl. Oder ein wichtiges Stichwort. „Henriette schlääääft“, hat sich der Krümellord gemerkt. Und vermutlich stellt er sich diesen „Schlaf“ ein wenig so vor, wie bei den fiedelen KiKa-Erdmännchen Jan und Henry, die mein Junge so gerne zitiert: „Alle Augen zugemacht, wir schlafen jetzt die ganze Nacht. Rapschhhhhht.“

Wie Kinder mit dem Tod umgehen

Ein wunderschön getextetes und illustriertes Bilderbuch zum Thema Abschied nehmen ist übrigens „Opas Insel“ von Benji Davies. Ich bin ja nicht sonderlich esoterisch veranlagt. Ich glaube trotzdem, dass es kein Zufall ist, dass die Zeichnungen von „Opas Insel“ ein bisschen so aussehen wie Henriettes verwunschener, kleiner Garten. Ein Platz, um zur Ruhe zu kommen. Für immer. Mach’s gut, Henriette!

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