Kleine Fluchten NovemberDauerregen, Nebelschwaden über dem See und der erste Schnee, der die Straße am Berg kurzfristig in eine Rutschbahn verwandelt hat: Die vergangenen Tage haben eindrucksvoll bewiesen, woher die Bedeutung des schönen Wörtchens „novembergrau“ stammt. Aber mit Kindern ist jeder Tag ein „Draußen-Tag“ und so haben wir aus dem nassen, schweren Weiß den ersten, kleinen Schneemann des Winters geformt und am Sankt-Martins-Feuer dick eingemummelt dem Nieselregen getrotzt. Wenn euch nach solcherlei Outdoor-Unternehmungen auch nach einem Abend mit Kuschelsocken im Bett ist, werde ihr vielleicht bei meinen Empfehlungen zum Lesen, Hören, Anschauen fündig. Sechs kleine Fluchten für den November.

Cliffhanger in Kauf nehmen: Die vierte Staffel „Girlfriends Guide to Divorce“

Über das Ende der vierten Staffel der bereits hier von mir empfohlenen Serie „Girlfriends Guide to Divorce“ war ich einigermaßen erbost: Denn sie endete nach nur sechs Folgen in gleich mehreren Handlungssträngen mit einem Mega-Cliffhanger. Fans und binge watcher müssen laut Bravo TV noch bis im neuen Jahr auf die fünfte und finale Staffel warten … Hmmm … Anschauen lohnt sich natürlich trotzdem 😉

Hinter die Fassade blicken: Mini-Serie „Big Little Lies“

Da kam die gleich von mehreren Seiten empfohlene Serie „Big Little Lies“ gerade recht. Die prominente Besetzung um Nicole Kidman, Reese Witherspoon, Laura Dern und Alexander Skarsgård erzählt in sechs Episoden von einem mysteriösen Todesfall in einer amerikanischen Kleinstadt-Idylle. Die Mütter des Ortes sind auf unterschiedliche Art und Weise in den Fall verstrickt. In zahlreichen Rückblenden, Traumsequenzen und zwischengeschalteten Polizeibefragungen gehen die Zuschauer mit auf Tätersuche.

Aber nicht der Mord an sich ist Hauptthema der Verfilmung. Vielmehr werden beim Erkunden des Motivs des Täters auch die häuslichen Verhältnisse der Protagonistinnen aufgedeckt: Mütterrivalitäten, helicopter moms, Wohlstandsverwahrlosung, die wirtschaftliche Situation von Alleinerziehenden und nicht zuletzt das Thema häusliche Gewalt werden virtuos in den Erzählfaden eingewoben. Zu Recht ging einer der insgesamt acht Emmy-Auszeichnungen der Serie an Nicole Kidmanns eindrückliche Darstellung der Celeste Wright – einer nach außen hin perfekten stay at home mum, deren durchgestyltes Zuhause durch ihren psychotischen Ehemann Perry (großartig dargestellt von Alexander Skarsgård) jedoch immer mehr zum Gefängnis wird. Mich hat die Serie so gepackt, dass ich sie am liebsten in einem Rutsch angeschaut hätte.

Lars-Eidinger-Momente genießen: Spielfilm „Die Blumen von gestern“

Ich mochte Maren Ades Debütfilm „Alle Anderen“. Sehr sogar. Der Film war 2009 so eine Art Karriere-Kick-Start für die beiden Hauptdarsteller, Birgit Minichmayr und Lars Eidinger. Jetzt habe ich wieder einen Film mit Eidinger gefunden, der mir sehr gefallen hat: In Chris Kraus mehrfach ausgezeichnetem „Die Blumen von gestern“ (2017) spielt Lars Eidinger einen depressiven Holocaust-Forscher, der nicht nur mit seinem Status als „Zuarbeiter“ an seinem Forschungsinstitut sondern auch mit der Nazi-Vergangenheit seiner eigenen Familie ringt. Ihm zur Seite stellt der Film die selbstbewusste, unkonventionelle Praktikantin Zazie, deren jüdische Großmutter von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Wie die beiden ihre Familiengeschichte und die Liebe zum jeweils Anderen entdecken, ist streckenweise absurd, aber auch anrührend und verknüpft auf überraschende Art und Weise deutsche Vergangenheitsbewältigung mit Humor. Habe ich gerne angesehen!

Über Fehlgeburten schreiben: Initiative „Das Ende vom Anfang“

Das Ende des Schweigens. Der Anfang des Austauschs. So könnte man sie auch beschreiben, die Initiative der Berliner Journalistin Julia Stelzner-Konrad. Mit „Das Ende vom Anfang“ hat sie eine Plattform für Austausch und Gedanken rund um das Thema Fehlgeburt geschaffen. Denn obwohl fast jede dritte Schwangerschaft nicht mit der Geburt eines lebenden Kindes endet, sprechen wir – außer im allerengsten Freundeskreis vielleicht – kaum über das Thema. Warum eigentlichen? Auf „Das Ende vom Anfang“ erzählen Frauen in sehr persönlichen, berührenden Beiträgen davon, wie es ist, ein ungeborenes Kind zu verlieren, Abschied zu nehmen, zu trauern, weiterzuleben – mit der Trauer. Eine mutige Seite, mutige Frauen, und ein schmerzhaftes Thema, das mich sehr berührt hat. Danke an Okka Rohd von Slomo, die die Seite vor einigen Wochen entdeckt hat.

Charmant den roten Faden ignorieren: Radiogespräche „Hörbar Rust“

Bettina Rust führt keine Interviews. Sie führt Gespräche – und gerade die Tatsache, dass dabei manches Mal der rot Faden verloren geht, macht ihre Sendung so enorm charmant. Die Berliner unter euch werden vielleicht mit den Augen rollen, weil ihr die RBB/RadioEins-Produktion „Hörbar Rust“ schon Ewigkeiten als Podcast abonniert habt. Für mich alten Interview-Junkie war die Empfehlung meiner Freundin R. eine herrliche (Neu-)Entdeckung! Besonders ans Herz legen – soweit ich das bislang durchhören konnte – möchte ich euch die Interviews mit Kolumnist Michalis Pantelouris, TV-Rebell Joko Winterscheidt, Schauspielerin Adele Neuhauser, Entertainerin Anke Engelke und nicht zuletzt Schauspieler Lars Eidinger (vgl. oben).

Echtes Essen zeigen: Tumblr-Blog „Worst of Chefkoch“

Im echten Leben arbeite ich in der PR. Genauer gesagt in der Food PR. Da begegnen mir täglich auf Hochglanz polierte Essensfotos. Bis aufs Detail durchgestylte Bilder von trendigen Gerichten. Essbaren Kleinigkeiten, die ganz groß vor der Kamera inszeniert sind. Über food porn ist schon viel geschrieben worden. Den mit Abstand humorvollsten Beitrag zum Thema liefert für mich das Tumblr-Blog „Worst of Chefkoch“. Darauf feiern Jonathan Löffelbein und Lukas Diestel das „Schlimmste was aus der kulinarischen Hölle von chefkoch.de an die Oberfläche gespült wird“. Noch amüsanter als die zum Teil absurd unappetitlichen Fotos sind die Kommentare der beiden Freunde zu so verheißungsvollen Rezepten wie „Blutwurstlasagne mit Apfel und Camembert“ oder „Milchreis mit Bratwurst“. Durchklicken, gruseln und laut lachen!

Ich wünsche euch, dass der November viele kleine Fluchten für euch bereithält – ob mit oder ohne Kuschelsocken 😉

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