in Omas KücheZu Weihnachten werde ich ein bisschen sentimental. Und denke an die Menschen, die ich vermisse. Meine Oma, zum Beispiel, über die ich hier schon einmal geschrieben habe. Ein Weihnachtsfest bei meiner Oma war auch immer eine kulinarische Party. Eine Gelegenheit, bei der sie uns Jahr für Jahr die Essenz guter Küche auf dem Goldrand-Teller servierte: Und damit meine ich nicht ihren herrlich kross-gebratenen Puter, nicht die klassisch blau-weiße Etagere, in der die Plätzchenvorräte nie zur Neige gingen. Ich meine die gelebte Geselligkeit inmitten ihrer kleinen, übervollen Küche. Und das Gefühl der Geborgenheit, das sie uns allen zwischen Serviettenknödeln und Bratendüften, Plätzchentürmen und Käseplatten ganz nebenbei vermittelte. Fünf Dinge, die ein gutes Weihnachtsessen ausmachen – ein Blick in Omas Küche.

1) Ein Serviettenknödel ist ein Serviettenknödel ist ein …

Achtsamkeit, indulgence, im Hier & Jetzt leben: Das alles sind Buzzwörter unserer aktuellen Gut-Leben-Anstrengungen, mit denen sich übrigens Silke Burmester in diesem wunderbaren Artikel für die Süddeutsche Zeitung kritisch auseinandergesetzt hat. Nein, meine Oma brauchte keine Happinez, keine Hygge, keine Slow oder Flow, um im Moment zu sein. Meine Oma hatte Serviettenknödel. Die Kunst der Knödelzubereitung ist eine der ältesten Entspannungstechniken dieser Erde. Denn man braucht vor allem Muße, um die perfekten Serviettenknödel zu zaubern.

Die Masse aus Milch, altbackenen Semmeln oder Toast, Eiern und Gewürzen darf nicht zu flüssig, aber auch nicht zu fest sein, damit sie sich perfekt in ein feuchtes Tuch einschlagen und im Wasserbad garen lässt. Die frische Petersilie sollte man rausschmecken können, aber nicht zu dominant. Die Knödelmasse muss die perfekte Konsistenz haben, nicht zu knapp, aber auch nicht zu lange gegart werden. Der Moment, in dem meine Oma die Serviettenknödel aus dem Leintuch schälte, sie für gut befand, aufschnitt und in eine vorgewärmte Schale gab – große Vorfreude in Omas Küche!

2) Gutes Essen braucht Zeit.

Meine Oma hatte Zeit, viel Zeit – auch wenn sie das vielleicht selbst nicht so gesehen hätte. Diese Zeit gönnte sie auch ihren Gerichten, um zu reifen, ihren besten Geschmack zu entfalten. Natürlich holte meine Oma ihren Puter nicht im Tiefkühlregal sondern eigenhändig vom nahegelegenen Bauernhof. Natürlich dauerte es, bis er ausgenommen, gewürzt, gefüllt, mit Brühe aufgegossen war. Und nochmal mit Gewürzen abschmecken! Und nochmal mit Geflügelfonds aufgießen! Lieber bei niedriger Temperatur und dafür etwas länger im Backofen braten! Wir linsten durch das Sichtfenster im Ofen und verdrückten schnell noch ein paar Vanillekipferl (siehe Punkt 4) während wir auf unseren liebsten Satz aus Omas Munde warteten: „So, ich hole jetzt den Puter aus dem Röhr!“

3) Der Gastgeber darf nicht ruhen.

Ein Gastgeber, der selbst zum Essen kommt, ist ein schlechter Gastgeber. So oder so ähnlich könnte man das Motto meiner Oma zusammenfassen. Sie machte uns wahnsinnig damit, dass sie immer und immer wieder von unserem gemeinsamen Esstisch aufsprang: „Huch, wir brauchen mehr Sauce! Herrje, der Puter geht zur Neige! Wer möchte noch frisches Wasser?“ Die Älteste in der Runde legte an Weihnachten zwischen Küche und Esszimmer streckenmäßig das Equivalent eines Halbmarathons zurück. Und wehe, jemand wagte es, statt ihr selbst in Omas Küche zu gehen! Schlimmer als ihrer gefühlten Pflicht als Gastgeberin nicht nachzukommen war höchsten ein Teller, der nicht bis auf die Sauce leergeschleckt war …

4) Im siebten Plätzchenhimmel!

Die Etagere meiner Oma hatte ein Eigenleben: Kaum waren die weltbesten Vanillekipferl, Zimtsterne und Schokocrossies, Anisplätzchen, Hagelzucker-Kekse und Lebkuchen aufgefuttert, so füllten sich die drei Stockwerke dieses Plätzchenwunders erneut. Und nochmals. Und immer wieder. Schlaraffenland kann einpacken, wir hatten Omas blau-weiße Etagere. Und nicht nur das: Auch Omas – meist etwas zerrupft aussehender – Tannenbaum war ein steter Quell süßer Freuden. Außer Miniatur-Weihnachtsmännern aus Schokolade zierten auch Schokoladenkringel und rot-weiße Zuckerstangen seine Zweige. Ein Fest zum Reinbeißen!

5) Es gibt kein „zu viel“.

Meine Oma hat den zweiten Weltkrieg miterlebt und als Jugendliche ihre Heimat verloren. Der Überfluss war ihre nachträgliche Kampfansage an eine Zeit, in der Hunger kein vager Begriff, sondern tägliche Realität war. Natürlich reichte es nicht, wenn wir nach opulentem Weihnachtsbraten zum Mittag kaum zwei Stunden später wieder Kuchen serviert bekamen. Nur unterbrochen von zahlreichen Gängen zur Plätzchenschüssel. Nein, niemand verließ Omas Haus ohne eine veritable Nachtmahlzeit! Neben üppigen Käseplatten tischte sie gerne Schichtsalat auf und natürlich Würstchen vom besten Metzger im Ort. Nie habe ich mehr gegessen in meinem Leben als an zahlreichen zweiten Weihnachtsfeiertagen, die traditionell meiner Oma gehörten. Nie habe ich mich gesättigter gefühlt – voll mit Leben, voll mit Omas Liebe!

Danke, Oma, für die wunderschönen Weihnachtserinnerungen mit Dir! Die Krümellady knuspert sehr sicher eine Handvoll Vanillekipferl für dich mit. Oder sagen wir besser zwei, drei, vier Handvoll …

Euch allen da draußen wünsche ich ebenfalls viel Spaß in Omas Küche und natürlich beim Plätzchen vernaschen. Verbringt frohe Weihnachtsfeiertage mit euren Liebsten!